„Hört doch mal rein“, Karfreitag, 02.04.21
Die drei österlichen Tage vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung des Herrn sind der Höhepunkt des Kirchenjahrs, so steht es im Missale Romanum. Wir begehen diese Tage deshalb in der katholischen Kirche sehr intensiv, indem jeder Tag einen ganz besonderen Charakter hat und einen Aspekt hervorhebt. Die drei Tage passen dann zusammen wie ein einziger langer ausgedehnter Gottesdienst. Alle Feste (Letztes Abendmahl, Kreuzigung, Auferstehung) sind jedoch Bestandteil jedes Sonntagsgottesdienstes, in verkleinerter Form, das finde ich bemerkenswert. Und heute ist Karfreitag… Karfreitag ist vielleicht noch mit dem Verstand auszuhalten, aber kaum mehr in seiner Emotionalität. Wie kann ich das Kreuz verstehen, die unermessliche, barbarische Brutalität, den Schmerz, die Qual…? Aber einmal im Jahr wird uns dieses Thema für zwei Stunden intensiv im Gottesdienst zugemutet. Christus stirbt für uns - durch Menschenhand. Wir müssen ansehen, wozu Menschen fähig sind, und diese Grausamkeit findet auch noch heute statt – vielleicht nicht vor unseren Augen… verschließen wir uns nicht vor dieser Wirklichkeit. Sich in der Musik auf dieses Thema einzulassen, kann in diesen Tagen, wo wir nicht alle die Möglichkeit haben, wie gewohnt die Kar- und Ostergottesdienste zu feiern, eine mögliche spirituelle Vertiefung sein.
Heute möchte ich Ihre/Eure Ohren nicht auf eine Passion lenken, die zweifelsohne hier ihren Platz hätte, und auf die ich selbst am Karfreitag auch nicht verzichten werde, sondern auf den Gesang aus dem frühen Mittelalter des 13. Jahrhunderts, das „Stabat mater“. Es besteht aus 10 Doppelstrophen, von denen 4 in das deutsche Kirchenlied GL 532 „Christi Mutter stand mit Schmerzen“ eingegangen sind, plus eine freiere letzte Strophe des lateinischen Originals. Hierzu schreibt Helmut Siegel:
Manchmal wird es Nacht mitten am Tag.
Manchmal verschwindet dir Gott, mitten im Leben;
Manchmal wird man starr und hoffnungslos.
Wenn eine Mutter den Tod ihres Sohnes erlebt, kann das so sein. Es ist schwer für Mütter über diesen Schmerz zu sprechen. Vielleicht kann Maria mit ihrem Erleben des Todes ihres Sohnes hier eine Hilfe sein.
Es ist eine Perspektive, heute auf das Kreuz zu schauen, – durch die Augen von Maria. Durch verschiedene Jahrhunderte finden Komponisten ihre Möglichkeiten, im Stil ihrer Zeit, dem Schmerz des Todes Ausdruck zu verleihen. Deshalb habe ich zunächst das „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi von 1736 in der Barockzeit ausgesucht, der dieses Stück kurz vor seinem Tod an Tuberkulose für die Karliturgie geschrieben hat. Sehr berührend sind die Dissonanzen schon ganz am Anfang... In der Zeit der Romantik hat dann 1884 Josef Gabriel Rheinberger wieder andere Möglichkeiten, uns durch seine liedhafte Komposition und die satte, romantische Harmonik zu berühren und uns in den Schmerz mitzunehmen. Als letztes Beispiel lade ich Sie/Euch ein, dem walisischen Komponist Karl Jenkins zuzuhören, der „Stabat mater“ 2008 vertonte, das mittelalterliche Gebet um vertiefende Texte in mehreren Sprachen ergänzte, und traditionell westliche mit ethnischen Einflüssen aus dem Nahen Osten gemischt hat…
Uns allen wünsche ich ein Erleben der Kar- und Ostertage, das die spirituelle Tiefe erfahrbar macht, und für heute bleibt uns die Aussicht auf den Ostersonntag, der den Schmerz ablöst durch die unbändige Freude über die Auferstehung Jesu Christi.
Hört doch mal rein!
Eure/Ihre
Sonja Schek, Kirchenmusikerin
