Impuls

Wort zum Freitag, 26.11.2021

Bild: Privat - Pfr. A. Marra

„Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden!“ (Lk 6,37).

Diese Worte sind eine echte Herausforderung! Wie schwer tue ich mich doch damit, meinen Nächsten nicht zu richten, nicht zu verurteilen gerade dann, wenn er in meinen Augen falsches sagt, schlecht handelt oder wenn er mich verletzt! Was Jesus in seiner Bergpredigt (oder hier im Bericht von Lukas in der Rede am Ufer des Sees Genezareth) verkündet, ist im Grunde genommen aus gesellschaftlicher, rein menschlicher Sicht nicht vertretbar.

Ich ertappe mich immer wieder, wie ich aufgrund meiner Überzeugungen, meiner Sichtweise der Dinge, meiner (Ein-)Bildung über die anderen stelle, bzw. die anderen klein zu machen versuche. In den meisten Fällen gar nicht aus böser Absicht. Ich habe ja von Gott einen Menschenverstand erhalten, den ich ja benutzen soll, um das richtige vom falschen zu unterscheiden und wo Falsches, Unwahres oder Schädliches aufkommt, klar zu benennen. Und das bringt immer mit sich, dass ich konkrete Menschen darauf ansprechen muss. „Du siehst das falsch! Was du tust ist schlecht! Du bist im Unrecht!“.

Warum ist das so? Was bewegt mich dazu, über andere zu richten, ja sie zu verurteilen? Mir kommen spontan die Worte des Seligen Bernhard Lichtenberg in den Sinn. In seinen Notizen aus der Gefangenschaft hält er fest: „… [ich werde wissen], warum ich so schnell die Geduld verliere: Ich spreche zu schnell, das Herz liegt mir auf der Zunge, ich mache meinem Unwillen zu schnell Luft“. Hinter der Ungeduld meine ich eine Haltung der Überheblichkeit zu erkennen. Aufgrund der Unfähigkeit, den Anderen in seiner Andersartigkeit anzunehmen, gehe ich soweit, dass ich nicht nur ihm gegenüber sein Verhalten kritisiere, sondern mit dritten über ihn schlecht rede, ihn schlecht mache. Deshalb sind die Worte des Hl. Jakobus eine erhellende Ermahnung: „Wer seinen Bruder oder seine Schwester verleumdet oder verurteilt, verleumdet das Gesetz und verurteilt das Gesetz; wenn du aber das Gesetz verurteilst, handelst du nicht nach dem Gesetz, sondern bist sein Richter. Nur einer ist der Gesetzgeber und Richter: er, der die Macht hat, zu retten und zu verderben. Wer aber bist du, dass du über deinen Nächsten richtest?“ (Jak 4,11).

Wer bin ich? Ein armseliger Mensch, wie alle anderen, der unvollkommen ist, Fehler macht, manche falsche Entscheidung trifft. Wenn aber Gott mir gegenüber mit Barmherzigkeit begegnet, wer bin ich, dass ich diese auch nicht meiner Schwester, meinem Bruder erweise? Ich glaube nicht, dass Jesus mit seiner Aufforderung seine Jünger einlädt, so zu tun, als wär alles Gut. Ich glaube eher in seinen Worten die Einladung zu erkennen, auf die Haltung, die wir unserem Nächsten gegenüber einnehmen, zu achten. „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“ (Phil 2,6-7). Wenn ich Gott ähnlich sein will, dann kenne ich jetzt den Weg, um so zu werden, wie er: ich soll mich darin einüben, den Anderen höher zu schätzen als mich selbst.

Ihr

Pfr. Arduino Marra