Wochenimpuls „Hört doch mal rein“, 27.11.20
Mit dem kommenden Sonntag beginnen wir ein neues Kirchenjahr. Advent, der uns über etwas mehr als vier Wochen auf die Weihnachtszeit vorbereiten will. Wie kann das gehen? In allen Religionen gibt es zurückhaltende Zeiten und rauschende Fest- und Feierzeiten. Warum? Weil es den Menschen gut tut, immer wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Auf etwas zu verzichten, das dann wiederkommen darf, aber mit Genuss… In der Adventszeit verzichten wir deshalb liturgisch auf das Gloria, weil es viel schöner ist, wenn man eine Zeitlang nicht gejubelt hat, dann der Freude wieder kraftvoll ihren Lauf zu lassen, wenn das große Fest da ist. In den Ostkirchen ist der Advent eher als Weihnachtsfastenzeit verbreitet. Sie heißt dort auch Phillipus-Fastenzeit, benannt nach dem Fest des Heiligen Philippus am 14. November, an dessen Feiertag die 40-tägige Fastenzeit bis zum 1. Weihnachtsfeiertag begann. Sie wird seit dem 4. Jrh. erwähnt und in der heutigen Form stammt sie aus dem 12. Jrh. In der christlichen Kirche begann diese Fastenzeit eigentlich nach dem Martinsfest, Papst Gregor der Große veranlasste im 6. Jrh. dann eine Vereinheitlichung der unterschiedlichen Bräuche auf 4 Sonntage der Adventszeit. Im Konzil von Trient wurde diese Regelung 1545 bis 1563 bestätigt. Nur im Bistum Mailand blieben im Ambrosianischen Ritus und in Spanien im Mozarabischen Ritus 6 Adventssonntage bis heute erhalten. Der Advent beginnt dort mit St. Martin. Seit 1917 wird das Adventsfasten von der Kirche nicht mehr ausdrücklich verlangt, jedoch der Bußcharakter blieb aber erhalten.
Fasten und Buße: Beide Aspekte sind gar nicht populär. Oder vielleicht doch? Heilfasten dürfte zum gut renommierten Begriff geworden sein und Buße? Populär sind eher „Achtsamkeit“ oder „Balance“. Dann versuche ich es doch mit modernen Worten: ich wünsche uns allen eine achtsame Zeit, in der alle Gewohnheiten wieder mal auf den Prüfstand kommen dürfen. Habe ich Zeit für Vorbereitung? Lasse ich Luft im Konsum für meine Gesundheit und für eine Zeit der Freude?
Auch das Licht drehen wir in der dunklen Jahreszeit noch herunter, indem wir Kerzen anzünden. Musikalisch gesehen ist diese Zeit ein vier Wochen langer Auftakt hin zum großen Jubelfest, an dem Gott Mensch wird. Dann wird ein Fest sein…
Einen Ausblick auf das Fest, bei Gott zu sein, gibt der Psalm 84 der heutigen Tageslesungen. Passend zu diesem Psalm habe ich heute eine Komposition von Louis Lewandowski, einem jüdischen Kantor, 1821 in Posen geboren und 1894 in Berlin gestorben, herausgesucht. Er versucht, die jüdische Tradition der Psalmen mit der westlichen Musik zu verbinden, was ihm zu Lebzeiten zum größten Teil als jüd. Kantor nicht möglich war, da Chor- und Instrumentalmusik in der Synagoge nicht erlaubt war. Ein „Brückenbauer“ also, ein Mann, der im Hause von Felix Mendelssohn bekannt war. Vielleicht hören sie ja diese Wurzeln ein wenig heraus. .. Viel Freude mit dem ungarischen Rundfunkchor!
https://www.youtube.com/watch?v=-oXYO7-1jRQ
Auf ein Wiederhören in vier Wochen und bleiben Sie achtsam und gesund
Ihre und Eure Sonja Schek, Kirchenmusikerin
