Freude und Leid
„Freud und Leid liegen oft nah beieinander.“ hat meine Oma gesagt, für jede Freudeträne wird auch eine echte Träne vergossen. An keinem anderen Tag wie am kommenden Palmsonntag wird mir das deutlich und ich erinnere mich wieder an die Worte meiner Großmutter.
Der Palmsonntag ist das Tor zur Karwoche. Gleichzeitig ist er ein Eingang in der Liturgie der kommenden Tage. Wie eine Vorschau hat all das seinen Platz, was im Lauf der Karwoche zum Tragen kommt. So wie die unterschiedlichsten Gefühle. Beginnend mit der Freude über den Einzug Jesu nach Jerusalem. In vielen Kirchen szenisch nachgestellt. Ich erinnere mich an meine Praktikumsgemeinde in Hellersdorf in der Kinder den Einzug wie ein kleines Theater nachgestellt haben. Da war die Freude deutlich spürbar. Doch die Freude hält nicht lange an – die Stimmung wandelt sich, in der Karwoche und sogar schon in der Palmsonntagsliturgie. Die Passion wird vorgelesen. Schlicht und einfach, einfach die Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus. Durch die coronabedingt fehlende Prozession nimmt die Passionsgeschichte noch mal eine ganze andere Position ein. Freude und Leid rücken noch enger zusammen und rückt vielleicht auch die eigene Leidensgeschichte, die nie vergleichbar ist, in ein anderes Licht.
Freud und Leid. In den letzten Tagen, Wochen und gar Monaten haben wir sie immer wieder erfahren. Ich kann die Freude die kommenden Ostertage mit der ganzen Familie feiern zu können noch spüren und dennoch legt sich schon wieder ein grauer Schleier über diese Freude. Trotzdem empfinde ich es als Klagen auf hohem Niveau. Wenn ich in diesem Jahr die Passion höre, verbinde ich damit die vielen Menschen, die an Corona erkrankt sind oder sogar daran verstorben sind.
Aber auch an die vielen Menschen, die helfen, die Einsamen, die Vergessenen in den Flüchtlingslagern, die Menschen, die sich nach menschlichem Kontakt sehnen, die sich nach ihrer Arbeit zurück sehnen oder auch Freiheit. In meinen Augen gibt es auch keine Systemrelevanz, wie es immer so schön heißt. Manche sind systemrelevanter als andere. Sicher haben viele Menschen gerade sehr wichtige Aufgaben. Aber für ein gesellschaftliches System sind wir alle wichtig, keiner darf verloren gehen. Keiner spielt keine Rolle.
Und in all den persönlichen Passionsgeschichten kommt mir Jesus entgegen. Voller Freude auf einem Esel. Tröstet und gibt Halt, obwohl er seine eigene Geschichte schon vor Augen hat, nimmt er sich meiner Geschichte noch zusätzlich an und unterscheidet nicht, ob in mir eine Systemrelevanz schlummert oder nicht. Er ist da!
So wünsche ich Ihnen allen in den kommenden Tagen einen begegnenden, freudigen und tröstenden Jesus.
Herzliche Segensgrüße,
Ihre Anja Schmidt (Gemeindeassistentin)
