Der Herbst kommt in großen Schritten auf uns zu.
An meinem Haus färbt sich der wilde Wein langsam aber sehr stetig rot. Ich mag das ja. Es sieht wundervoll aus und ich erfreue mich immer wieder an dieser Farbänderung. Aus meinem grünen Haus wird ein rotes und wenn das letzte Blatt gefallen ist, ist es von Ästen überzogen.
Es riecht auch alles anders – der Herbst riecht nach Mutter-Erde, nach Früchten, nach Fülle, nach der schon jetzt aufkommenden Sehnsucht der langen Sommerabende und nach Vergänglichkeit. Für mich hat jede Jahreszeit ihren eigenen Duft, wie ein Jahreszeitenparfüm. Im Herbst riecht es anders als im Frühling, im Sommer oder im kalten Winter. Der Herbst riecht nach dem, was der Frühling und der Sommer zurückgelassen haben. Er riecht nach dem, was die beiden Jahreszeiten davor hervorgebracht haben. An meinem Haus fahren die Kartoffellaster und die Trecker mit den Heuballen vorbei und zeigen die Ernte des Jahres. Die Ernte ist ein Teil von den vielen Geschenken des Jahres, die wir von Gott bekommen. Sie ergänzen die vielen anderen kostbaren Gaben: die noch wärmenden Sonnenstrahlen, die ein Lächeln auf unser Gesicht zaubern und die unsere Stimmung positiv beeinflussen; die vielen Worten, die wir uns tröstend in den letzten Monaten geschenkt haben, mit denen wir uns Mut zugesprochen haben und die mir halfen fröhlich durch den Sommer zu gehen. All das sind Zeugen der Wertschätzung Gottes zu seinem Volk und sie helfen uns mit Achtsamkeit und gegenseitiger Liebe und Verständnis durch das Leben zu gehen. Der rollende Heuballentrecker macht mich darauf aufmerksam. So verrückt wie dieses Jahr ist, mit all seinen Besonderheiten, gibt es doch auch eine Stetigkeit im Jahreslauf. So stetig wie mein Glaube an IHN, der mich nicht verwirft. Und doch hat mein Glaube dieses Jahr einige Sommergewitter überstehen müssen und wird in den kommenden Herbststürmen auch weiterhin neue Erfahrungen machen. Es werden Schäden entstehen, die mehr oder weniger reparabel sind. Es ist das, was meinen Glauben ausmacht. Es ist das, was weh tut. Wie in einer Beziehung. Es sind Trennung, verletzende Worte, Begrenzungen und vieles mehr. Die Fülle meines Lebens, die ich sehr gut am Herbst ablesen kann, ist aber weit mehr. Mein Glaube befähigt mich zu viel mehr. In der Herbstscheune meines Lebens und Glaubens kann ich so viel mehr sammeln und ich kann es aufbewahren, um mich daran zu erinnern, es nicht zu vergessen. Ich sammele das, was für mich von Bedeutung ist. Vor allem das, was ich in der kalten Jahreszeit zum Leben brauch, wenn ich von der Erinnerung an den Sommer lebe und ich spüre Gottes Hand in meiner Hosentasche, die mich trägt und durch die stürmischen Herbstwinde begleitet, die mich über den zugefrorenen See im Winter führt und auf den Frühling warten lässt.
Ich wünsche Ihnen allen eine erfahrensreiche Herbstzeit, horchen Sie auf das raschelnde Laub, freuen Sie sich auf eine wärmende Kürbissuppe und seien Sie nicht traurig, dass es jetzt schon wieder am Abend schneller dunkel wird.
Herzlichst Ihre Anja Schmidt, Gemeindeassistentin
