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Wort zum Freitag, 25.03.2022 Ruinen und zwischendrin eine Blume

Ruinen und zwischendrin eine Blume

 

Ich möchte mit Ihnen etwas teilen, was mir soviel Hoffnung in den letzten Tagen gegeben hat. Ich fuhr mit dem Zug nach Münster. Mein ICE startete im Hauptbahnhof. Seit Tagen las ich über die Situation dort aufgrund der vielen Kriegsflüchtlinge, doch Zeitung lesen und etwas sehen, sind zwei paar Schuhe. Ich erlebte eine andere Welt. So viele Menschen auf einem Platz und alle wuselten durcheinander. Sie trugen riesige Taschen und Rucksäcke voll mit Sachen, die ihnen geblieben waren. Und mittendrin eine Mutter mit ihrem Jungen, der seinen geliebten Fußball festhielt. Immer wieder fiel er ihm runter, weil Erwachsene ihn anrempelten. Es war ziemlich frustrierend das anzuschauen. Dem kleinen Jungen schien es aber nichts auszumachen, er hüpfte ausgelassen seinem Ball hinterher. Mir tat es dennoch leid. Die Blicke der Mutter trafen meine und ich wollte nicht weg sehen. Ja, ich hatte in der Schule Russischunterricht, aber viel ist davon nicht übrig geblieben. Ich ging auf sie zu und sagte in meinem Schulrussisch: „Guten Tag und ich heiße Anja“. Sie fing sofort an zu erzählen, ich verstand kein Wort. Ich versuchte es auf Englisch und das ging super. Sie warteten auf den Zug nach Hamburg, dort wohnt ihre Freundin, sie freue sich schon sehr auf ihren Besuch. Hmm, wie lange der Besuch wohl dauern würde? Der Junge zeigte mir seinen Ball. Ich erzählte, dass ich auch gern Fußball mit meinen Kindern spiele. Er freute sich. Bevor ich in meinen Zug stieg, wollte ich noch einen Kaffee kaufen und ich fragte die Mutter, ob sie auch einen möchte, gern auch etwas anderes. Also kaufte ich zwei Kaffee, einen Kakao, zwei Schokobrötchen und einen bunten „Berlin is cool“ – Jutebeutel. So standen wir auf dem Bahnsteig, jeder hatte einen Becher in der Hand und ich noch einen Fußball unterm Arm, denn einen Becher Kakao und einen Fußball halten, war dann selbst für kleine Fußballprofis zu viel. Für mich allerdings auch – also zückte ich den bunten Beutel, verstaute den Ball darin und knotete ihn an den Rucksack des Jungen. „So kannst Du ihn nicht mehr verlieren.“ Bevor wir uns verabschiedeten, zeigte die Mutter mir ein Bild aus ihrem Dorf nahe Kiew. Ihr Mann hatte es ihr geschickt. Was es zeigte? Nichts als Steine und Ruinen. Ich war sichtlich bewegt, bin ja eh nah am Wasser gebaut – da nahm die Mutter mich in den Arm und fragte mich, ob ich denn die Blume nicht sehe? Und tatsächlich zwischen all dem grau in grau stand eine kleine Gruppe Krokusse. „Do you see the hope in my town?“ Hoffnung! Das wäre das letzte Wort gewesen, welches mir bei dem Bild eingefallen wäre. Sie aber sah auf dem Bild nichts als Hoffnung!

Die ganze Zugfahrt beschäftigte mich die Frage nach der Hoffnung und wieviel Leid man ertragen kann, bis diese Hoffnung stirbt. Mein Lieblingsheiliger Franz von Assisi fand Hoffnung in den Ruinen von San Damiano. Franziskus fand in San Damiano eine Ruine, die ihn auf die Baustelle seines eigenen Lebens führte, aber auch den Ort, an dem ihm Jesus begegnete und er die Schönheit der Schöpfung für sich erkannte und die sein Leben mit Lob und Dank erfüllte. In San Damiano ist Franziskus seiner eigenen inneren Lebensmelodie begegnet. In einer Ruine konnte Franziskus als Mensch mit einem zerbrochenen Leben und seinen persönlichen Lebenswunden einfach da sein. Der Blick auf die alte Kreuzesikone lehrte ihn, was es heißt Christ zu sein: nämlich sich selbst als geliebtes Kind Gottes zu verstehen. Die Begegnung mit Jesus, der ihn dort persönlich ansprach, half ihm, seine inneren Wahrnehmungen in konkretes Tun zu verwandeln. Er lebte seine Berufung jeden Tag aufs Neue und wurde nicht müde, dieses Leben an andere zu verschenken. Er lehrte im Kleinen das Große zu sehen.

Hoffnung, sei sie noch so klein, sie zeigt sich – im Krokus zwischen den Steinen, die mal ein Zuhause waren. Es gibt mir die Hoffnung, dass Gott gerade jetzt bei den Menschen ist, die alles verloren haben. Wenn ich die Krokusse in den Gärten meines Dorfes sehe, denke ich an die Beiden und habe die Hoffnung, dass der Fußball nun nicht mehr getragen werden muss, sondern das er wieder mit dem kleinen Jungen und seinen (neuen) Freunden Tore schießt. Und das, wenn die Zeit gekommen ist, die Beiden auch zurück in ihr Dorf können, es neu aufbauen und sie als Familie wieder zusammen leben können.

Mit dem festen Vertrauen, dass Gott ein Freund ist, der Hoffnung sät, wo sie am Nötigsten gebraucht wird, wünsche ich Ihnen allen eine friedvolle Zeit.

 

Ihre Anja Schmidt, Gemeindeassistentin.