Die Zeit läuft
Liebe Schwestern und Brüder,
die Uhr auf dem Bild kennen Sie sicher. Sie ist sehr groß und wie ein Würfel gestaltet. Auf den vier Seiten ist jeweils ein Zifferblatt zu sehen. Die Uhr steht am Lichtenrader Damm Ecke Goltzstraße. Vor einigen Tage fuhr ich abends nach der Eucharistischen Anbetung kurz nach 20:00 Uhr mit dem Auto nach Hause. Die Ampel an der Kreuzung am Lichtenrader Damm schaltete auf Rot. Beim Warten schaute ich nach links auf die Uhr. Auch wenn die Uhr vier Zifferblätter hat, so sollte auf jeder Seite die gleiche Uhrzeit zu sehen sein. An diesen Abend war es nicht so. Zwei der Zifferblätter konnte ich sehen. Auf dem einen war ganz normal die aktuelle Zeit zu erkennen, 20:08 Uhr wie auch auf der Uhr im Auto. Das andere Zifferblatt zeigte eine andere Zeit an. Die Uhr war aber nicht stehengeblieben. In der einen Minute, in der ich an der Ampel wartete, drehten sich die beiden Zeiger so schnell, dass nicht eine Minute, sondern drei Stunden vergangen waren.
Die Zeit läuft, dachte ich, und erinnerte mich, dass ich zugesagt hatte, um 20:15 Uhr zuhause zu sein. Damit hatte ich also genau noch sieben Minuten Zeit, hatte aber noch ein Stück des Weges vor mir. Mich zu beeilen und schnell, zu schnell zu fahren, war es aber sicher nicht, was die Uhr mir sagen wollte, auch wenn mich dieser Gedanke fröhlich gestimmt hat.
Beim langsamen Weiterfahren dachte ich, dass die beiden Uhren ein gutes Bild sind für unser Leben, für unsere Lebenszeit. In den letzten Tagen und Wochen habe ich mich häufiger an die beiden Uhren erinnert und habe sie am letzten Sonntag für diesen Wochenimpuls fotografiert, auch wenn darauf jetzt andere Uhrzeiten zu sehen sind.
Die Uhr mit der schnell vergehenden Zeit erinnert mich an die Begegnung mit einem älteren Mann im Krankenhaus. Er war fast 80 Jahre. Seit mehreren Jahren hatte er Krebs. Es war absehbar, dass seine Tage und Stunden gezählt sind. Bei meinem letzten Besuch wollte er nur wenige Sätze sagen. In den letzten Minuten seines Lebens hat er mich mindestens viermal gefragt: Wieviel Uhr ist es? Meine Antwort war die jeweilige Uhrzeit und ich fügte die Frage an: Ihre Zeit läuft ab? Seine Antwort war: Ja, ganz rapide. Dann wurde die Atmung flacher und ruhiger. Die Pausen zwischen Ausatmen und Einatmen wurden länger. Wenige Momente später schloss er die Augen. Er atmete ein letztes Mal aus. Seine Zeit hier auf Erden war abgelaufen. Nun begann für ihn eine Zeit ohne Uhren, die Ewigkeit. Unser Herr Jesus Christus hat ihn aufgenommen in die himmlischen Wohnungen. Für den älteren Mann war klar, dass er in wenigen Minuten sterben wird. Seine Lebenszeit hatte rapide abgenommen.
Wir wissen nicht, wieviel Zeit uns bleibt hier auf Erden. Auch wenn vielleicht durch eine Krankheit das Lebensende absehbar ist, wissen wir letztlich weder den Tag noch die Stunde. Wir können nicht sagen, wie groß oder klein die Zeit unseres Lebens bemessen ist, ob die Uhr unseres Lebens langsam läuft oder ob sie sehr schnell läuft, sehr schnell abläuft. Diesen einen, unseren letzten Tag, an dem uns der Herr aufnimmt in sein himmlisches Reich, wo wir ihm persönlich begegnen, hat Gott, unser Vater, uns verborgen, damit wir auf jeden Tag unseres Lebens acht geben und jeden Tag schätzen, weil er wertvoll ist, weil er ein Geschenk Gottes ist. Die Gründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, hat vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrungen in der Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen einen Grundsatz für die Hospizarbeit beschrieben: Es geht nicht darum, dem Leben mehr Stunden zu geben, sondern den Stunden mehr Leben.
Hier erinnere ich noch einmal an das Buch Kohelet aus dem Alten Testament. In meinem letzten Wochenimpuls habe ich schon einmal auf dieses Buch Bezug genommen. Kohelet schreibt über die Vergänglichkeit. Alles ist nur Windhauch und ist schnell vorbei. An anderer Stelle (Koh 9,8-10) schreibt er aber auch, dass wir das Leben genießen sollen, gerade weil es eben vergänglich ist:
Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott so festgelegt, wie es ihm gefiel. Trag jederzeit frische Kleider und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt. Mit einem Menschen, den du liebst, genieß alle Tage deines Lebens.
Dazu lade ich Sie und Euch ein –
Ihr und Euer Diakon
Benno Bolze
