In der Leseordnung des Stundenbuches sind für diese Jahreszeit Auszüge aus dem Buch Genesis vorgesehen. Es geht um die Gestalt und die Geschichte von Abraham. – Faszinierend!
Ein alter Mann, der an seinem Lebensabend mit leeren Händen da steht, weil er weder einen Nachkommen noch eigenes Land hat, hört eine Stimme, die ihn auffordert, sich auf dem Weg zu machen. Er erhält lediglich die Verheißung, dass er ein Land und Nachkommenschaft bekommt. Aber wohin die Reise führen soll, das wird ihm nicht mitgeteilt. Jeder vernünftige Mensch würde sagen: das ist Unsinn. Warum soll man sich im hohen Alter noch aufmachen, eine womöglich abenteuerliche Reise antreten, ohne zu wissen, wohin diese führt. Das würde ja auch implizieren, dass man vom bekannten Umfeld und von vertrauten Personen verabschieden muss. Wozu? Wofür?
Abraham lässt sich aber darauf ein. Er folgt dieser Eingebung. Vielleicht haben seine Frau Sara und seine Knechte versucht, ihn davon abzubringen. Er bleibt seiner Entscheidung treu. Er glaubt dieser Stimme, an die Verheißung, ein Land und einen Nachkommen zu erhalten.
Die jüdische Tradition erkennt in Abraham die Personifizierung des Glaubens. Willst du wissen, was der Glaube ist, wie Glauben geht, so schaue auf Abraham. Deshalb wird er auch von den Christen und den Muslimen als „Vater des Glaubens“ bezeichnet. Er ist kein Träumer, kein Idealist, kein Weltfremder. Er vertraut auf die Stimme von „jemandem“, den er zwar noch nicht kennt, der sich ihm aber nach und nach offenbart, der ihm immer wieder Zeichen schenkt, die ihm (Abraham) klar machen, dass dieser „jemand“ nicht die Projektion seiner Wünsche ist. Er lernt Gott kennen, er lernt auf Gott zu vertrauen, er glaubt an Ihn und an das, was Er sagt, auch dann, wenn alle Umstände dagegen sprechen.
Paulus greift diese Thematik in seinem Brief an die Römer auf. Dort lesen wir: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde… Ohne im Glauben schwach zu werden, war er, der fast Hundertjährige, sich bewusst, dass sein Leib und auch Saras Mutterschoß erstorben waren. Er zweifelte nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben … fest davon überzeugt, dass Gott die Macht besitzt, zu tun, was er verheißen hat“ (Röm 4,18-21).
In der Gestalt von Abraham leuchtet die ganze Kraft des Glaubens auf, der im Hebräerbrief wie folgt definiert wird: „Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Heb 11,1). Ja, Abraham verkörpert diesen Glauben. Für mich faszinierend! Und zugleich auch ein tiefer Wunsch für mich, für alle Gläubigen.
Ihr
Pfr. Arduino Marra
