Das Osttor des Tempels wird in den Schriften des Alten Testaments mehrfach erwähnt. Er ist auch als „Goldenes Tor“ oder „Schöne Pforte“ bekannt. Nach einer antiken Überlieferung sollte der Messias bei seiner Ankunft durch dieses Tor in den Tempel hineintreten. Daher war – wie heute noch – dieses Tor zugemauert, damit kein anderer außer der Heiland durch es eintreten könne.
Von diesem Tor ist die Rede in der Lesung, die am Dienstag der vierten Woche in der Fastenzeit vorgesehen ist: aus dem Buch des Propheten Ezechiel (47,1-9.12). Hier berichtet der Gottesmann von einer Vision, in der er von einem Engel zum Tempel geführt wird und dort sieht, wie unter der Tempelschwelle Wasser hervorströmt und nach Osten fließt. Außerhalb des Tempels bildet dieses Wasser zuerst ein Bächlein, das nach und nach zu einem großen Fluss wird. Seine Wasser sind heilsam und bringen Leben, mitten in der Wüste an seinen Ufern entlang und in das salzige Meer, das Tote Meer, wo sonst keine Fische, keine Lebewesen zu finden sind.
Ich musste wieder an meine Israelreise von 2018 denken und an die Auslegung, die ich am Fuße des Tempelberges genießen konnte. Ich befand mich mit der Pilgergruppe auf der gegenüber liegenden Seite im Ölgarten, wo Jesus sich hinbegeben hatte, nachdem er mit seinen Jüngern das Pessachfest gegangen hatte. Er wusste, dass nun sein Leidensweg begann und wollte dort beten. Dabei überfielen ihn Todesangst und Betrübtheit, so dass er anfing, Blut zu schwitzen. Der Priester erklärte uns, dass auch zu Jesu Zeit von dieser Stelle, also durch das Osttor, Wasser in das darunterliegende Kidrontal hinabfloss. Dieses Wasser diente zur Reinigung der blutbegossenen Altäre. Das mit Blut vermischte Wasser wirkte als Dünger, weshalb dort die Vegetation sehr üppig war. Aus der (Ost-)Seite des Tempels flossen Blut und Wasser, die Leben brachten.
Die Parallele zu Jesus liegt auf der Hand: Er selbst hatte ja behauptet, sein Leib sei der wahre Tempel, der Ort der Wohnung Gottes, die Bundeslade, über der die Anwesenheit (Schekiná) Gottes schwebt. Als er am Kreuz erhöht den Tod eines Verbrechers erlitt, obwohl er unschuldig und gerecht war, stieß ein römischer Soldat eine Lanze in seine Seite. Johannes berichtet, dass sofort Blut und Wasser herausflossen. Aus der offenen Seite Jesu, des wahren Tempels, fließen also Blut und Wasser, die Leben bringen. Darin haben die Christen von Anfang an die Zeichen der wichtigsten Sakramente der Kirche erkannt, Taufe und Eucharistie. Ihr Empfang bringt Leben, weil sie die ganze Liebe zum Ausdruck bringen, die Gott für seine Kinder hat, die Menschen.
Heute wie damals auf meiner Pilgerreise beeindruckt mich ungemein, dass sich in Jesus alle Prophezeiungen Wort wörtlich erfüllen. Das fasziniert mich total, und lässt mich hoffen: in ihm schenkt mir Gott seine heil- und glückbringende Liebe, seine Zuneigung und seinen Schutz, Lebenskraft und Mut.
Ihr
Pfarrer Arduino Marra
