Fastenzeit – Umkehr und Verzicht
Liebe Schwestern und Brüder,
in den Tagen der österlichen Bußzeit bereiten wir uns auf das Osterfest vor. Zu diesen vierzig Tagen vor Ostern sagen wir auch Fastenzeit. In meiner Kindheit war es wichtig, dass jede und jeder einen Fastenvorsatz hatte. Naheliegend war dann der Verzicht auf Süßes. Was man in diesen Tagen geschenkt bekam, wurde bis Ostern gesammelt.
Für die Erwachsenen wurde im Gottesdienst am ersten Fastensonntag anstelle der Predigt die österliche Bußordnung verlesen mit Speisevorschriften und der Begrenzung von Mahlzeiten an bestimmten Tagen die Untersagung von Tanzveranstaltungen usw.
Kinder, ältere und kranke Menschen waren davon ausgenommen.
In meiner Erinnerung war ich damals froh, noch nicht erwachsen zu sein, denn von den Vorschriften war man befreit, bis auf eben diesen einen Fastenvorsatz mit der Schokolade.
Meistens ging das mit dem Vorsatz auch gut. Ostern war dann ein Fest der Freude, dass es geschafft war. Die große Leistung war vollbracht.
Was ist geblieben? Die Schokolade war nach Ostern schnell aufgegessen. Vor allem blieb der Gedanke: Du musst was leisten! Gott erwartet Höchstleistungen im Verzicht und bei vielen andern Dingen. Später, in der Jugend, wurde mir deutlich, dass es nicht um diese Höchstleistungen gehen kann.
Natürlich machen Fasten und Verzicht Sinn, auch um zu erkennen, dass das, was uns jeden Tag im Überfluss an Nahrung aus Gottes Schöpfung zur Verfügung steht, nicht selbstverständlich ist und dass wir damit verantwortungsvoll umgehen sollen.
Und natürlich ist Fasten auch aus gesundheitlichen Gründen sinnvoll. Aber wenn es nur darum geht, Höchstleistungen zu vollbringen und beste Ergebnisse als eine Art Vorauszahlung bei Gott abzuliefern, damit er den Menschen liebt, dann sind das doch eher einfache Vorstellungen. Als erwachsene Töchter und Söhne Gottes sind wir eingeladen, diese einfachen Vorstellungen abzulegen.
Vom christlichen Philosophen Wladimir Solowjew wird berichtet, wie er auf sehr drastische Weise mit seinem Kinderglauben abgeschlossen hat. In einem Brief an seine Freundin hat er im Alter von 20 Jahren geschrieben, dass er nicht nur gezweifelt hat, sondern den Glauben geleugnet hat. Das ging so weit, dass er religiöse Gemälde und sogar Ikonen zerstört und aus dem Fenster geworfen hat. Erst einige Jahre später fand er neu zum Glauben, zu einem reifen und aufgeklärten Glauben, der vor der Vernunft bestehen konnte und das ganze Leben tragen konnte, so schreibt er.
Gott ist größer als unsere einfachen und manchmal kindlichen Vorstellungen, Er ist größer als der Mensch. Er ist auch nicht in Bilder zu fassen. Der heilige Augustinus sagt: Wenn du meinst, etwas begriffen zu haben, dann ist es alles andere, aber nicht Gott.
In den Tagen vor Ostern möchte ich Sie und Euch zur Umkehr und zum Verzicht einladen.
Umkehr bedeutet: Gott als den größeren zu erkennen und ihn zu suchen. Deshalb lade ich ein zum Verzicht:
Auf alle Gottesbilder, die Gott eingrenzen auf das, was Menschen sich vorstellen können.
Auf alle Gottesbilder, die uns sagen wollen, wie Gott funktioniert.
Auf alle Vorschriften, die sagen, dass Gott allein Höchstleistungen im Fasten verlangt.
Auf alle Gottesbilder, die Schuld einreden und nicht von Barmherzigkeit sprechen.
Auf alle Gottesbilder zu verzichten, die den Menschen klein machen, ihm Angst machen.
Das sind fünf Fastenvorsätze. Es sind neue, andere Vorsätze als die, die wir sonst so kennen. In den letzten Tagen vor Ostern möchte ich Sie und Euch einladen, sich auf diese Vorsätze einzulassen. Denn diese Vorsätze befreien uns von Leistungsdenken und Angst vor Gott, unserem Vater. So verstandener Verzicht führt uns in die Freiheit der Töchter und Söhne Gottes. Erst in dieser Freiheit sind wir wirklich offen für die Liebe Gottes. Freiheit ist immer die Voraussetzung für die Liebe, die Gott uns schenken will und die wir einander schenken.
Oder hat jemand schon einmal versucht, Liebe zu erzwingen? Was kommt dabei heraus? Im besten Fall nur Abhängigkeit im negativen Sinn und Zwang, die oft das Gegenteil von Liebe bewirken. Liebe, die aus Freiheit geboren ist, hat nichts mit Zwang zu tun, sondern mit offenen und einander zugewandten Herzen. Das gilt auch für die Liebe zwischen Gott und Mensch.
Machen wir uns in diesen Tagen auf den Weg zu dem, der größer ist, und lassen wir dabei eingrenzende Botschaften und Zwang hinter uns. Dann werden die österliche Bußzeit und das Osterfest zu einer Zeit der wahren Begegnung zwischen Gott und jeder und jedem von uns.
Ihr und Euer Diakon
Benno Bolze
