Impuls

Wort zum Freitag, 04.03.2022 Hört doch mal rein

Bild: Sonja Schek, Ausschnitt des Orgelspieltischs der Seifert Orgel in Salvator-Lichtenrade

Hört doch mal rein,

Was ist dies für eine Zeit? Ein tiefer, sorgenvoller Seufzer bricht sich Bahn durch meinen Mund, der sonst so gerne singt…

Kaum zwei Wochen ist es jetzt bekannt: Krieg in Europa, keine 1000 km von uns entfernt. 1200 km waren es 1982 im Sommerurlaub mit meinen Eltern bis an die Westküste von Frankreich. Das ist erreichbar! Jedoch die 1000 km, von denen ich heute spreche, gehen nicht nach Westen, sondern nach Osten, zur Ukraine und nach Russland. Damals war das noch ein weißer Fleck auf der Landkarte… Es ist nicht der einzige Ort, an dem Krieg herrscht, aber der nächste.

Die Solidarität, die heute spürbar ist, ist bemerkenswert und zeigt auf, dass wir doch noch nicht die Gesellschaft von angehenden Egoisten und abgestumpften Menschen sind, wie ich es manchmal schon befürchte – zumindest heute hier in unserer Pfarrei. Sie, die Solidarität, verbindet uns mit den Opfern, die niemanden provoziert oder beleidigt haben. Dennoch geraten sie in die Ziellinie. Was mich so fassungslos macht, ist die Tatsache, dass Menschenleben in unserer so informierten und scheinbar gebildeten Welt immer noch nicht mehr wert sind als im Mittelalter. Menschen werden als „Kanonenfutter“ benutzt und dann gibt es einen Sieger???? Einen, der bestimmt, wo seine Grenzlinien gezogen werden???? Wie viel Leid wird verursacht und wie viel Schmerz, weil wir Menschen es immer noch nicht begriffen haben, dass wir nur gemeinsam eine Zukunft haben? Wann hören die Menschen überall auf der Welt endlich auf, Kriege zu führen und entdecken den Menschen, als den Nächsten, in dem Ziel ihrer Waffen, - den einfallsreichen Menschen, den begabten, den intelligenten, den handwerklichen, den sorgenden, -  den witzigen Menschen, die Philosophin, den Heiler, die Handwerkerin, den Poeten????

Mir fällt eine Postkarte vom Regal, die ich dort aufgehoben habe. Ich denke, es ist kein Zufall, dass sie mir jetzt geradewegs in die Hände fällt. Dort steht:

Für die leisen Klagen ein offenes Ohr haben

und für den Kummer ein empfindsames Herz.

Den Geknickten wieder aufrichten

und dem Verlorenen seine Würde zurückgeben.

Der Liebe Tor und Tür öffnen

und der Versöhnung den Weg bereiten,

damit das Leben unter einem guten Stern stehen kann.

(Christa-Spilling-Nöker)

Diese Karte verschickte Erzbischof Heiner Koch an Weihnachten mit dem Wunsch, dass dieser gute Stern unser aller Leben erhellen möge. Mein Wunsch geht nach Osten und ich bete um Frieden. Der Staats- und Domchor hat mit Sänger*innen der Singakademie vor fünf Tagen dieses Gebet für die Ukraine (komponiert schon 2014) aufgeführt: „Bozhe, Ukrayinu khrany…“ (Herr, schütze die Ukraine), komponiert von Valentyn Silvestrov (*1937). https://www.youtube.com/watch?v=Ne0fmGBcXTQ

Lassen wir nicht nach in unserem Bemühen, Dinge zu beeinflussen, die dem Frieden auf den Weg helfen, und sehen wir unserer eigenen Verantwortung für alle unsere Mitmenschen Tag für Tag in die Augen.

Bleibt und bleiben Sie gesund und im Gebet.

Eure und Ihre Sonja Schek, Pfarreikirchenmusikerin