Hört doch mal rein,
Obwohl wir heute schon zwei Tage nach dem 2.2.22 den 4. Februar haben, beziehe ich mich noch einmal auf die Darstellung des Herrn im Tempel. Mit diesem Fest wird abschließend Bezug genommen auf das Weihnachtsfest. Innerlich kann man das auch noch gut nachvollziehen, denn die Tage sind momentan winterlich rau, stürmisch und oft nur grau in grau. Der Frühling ist noch nicht in Sicht…
Das jüdische Reinigungsritual sah für die Frauen 40 Tage nach der Geburt den Gang in den Tempel und ein Opfer vor. Maria und Josef bringen das Opfer mit zwei Tauben, dem Beitrag für arme Familien. Das Kind, der erstgeborene Sohn, wird im Tempel dem Priester dargestellt, und dem Priester sollen fünf Goldmünzen bezahlt werden, dafür dass er den Tempeldienst für den Erstgeborenen versieht. So sah es die jüdische Tradition vor.
Dies ist der Anlass für die Begegnung der Heiligen Familie im Tempel mit Hanna und dem greisen Simeon. Mich rührt diese Szene jedes Jahr zutiefst. Ein alter Mann mit einer ganz tiefen Sehnsucht: es ist ihm verheißen, dass er vor seinem Tod Christus, das Licht, sehen wird… er glaubt daran und er hält an dieser Verheißung fest. Er wartet … Wie lange er wartet, wissen wir nicht, … aber er ist alt. Wie glücklich muss er gewesen sein. Dieses unvorstellbare Glück, das sich einstellt, nachdem sich die Weissagung endlich nach so langer Zeit erfüllt, ist in den Kompositionen gut spürbar. Die Erleichterung, die Rührung, das fast ungläubige Staunen, die Tränen der Erlösung… - das, womit man schon nicht mehr gerechnet hat, das geschieht. Erfüllt von diesem Glück kann Simeon nun ein überaus inniges Gebet an Gott richten: Herr, ich habe den Heiland gesehen. (Zwischen den Zeilen vielleicht: Dies ist alles, was ich noch erleben wollte.) Nun, Herr, kann ich in Frieden gehen… (Eine Begegnung ist genug…) Für mich ist dieser Satz in seiner Aussagekraft und Intensität unglaublich berührend.
Gibt es nicht auch in unserem Leben Sehnsüchte, die lange auf Erfüllung warten? Bleiben wir in der Gewissheit, dass sie sich erfüllen werden? Harren wir so geduldig aus wie Simeon? Gibt es solche Situationen des unerwarteten Glücks? Sicher gibt es sie.
Eine unglaubliche Geschichte in meinem Leben, die mir dabei einfällt, und mit der wir Älteren vielleicht alle nicht mehr gerechnet haben, war mit Sicherheit der Mauerfall… für mich als Berlinerin war doch die Sehnsucht, einfach aus dem Haus zu gehen und geradeaus zu fahren, bis der Tank leer ist, groß. In Lichtenrade war die Grenze mit ihrer stillen Bedrohung durch die Mauer, den Stacheldrahtzaun und die Grenzposten greifbare Realität. Und dann passierte dieses schon nicht mehr erhoffte Glück… Die Freiheit kommt- sie wird durch viele ausharrende und beharrliche Menschen für uns Wirklichkeit. Wie dankbar bin ich, in einer Zeit der Freiheit leben zu dürfen, die so nicht selbstverständlich ist.
Tief empfundene Dankbarkeit und unfassbares Glück in einer scheinbar ganz kleinen Situation sind für mich wohl zwei ganz große Säulen dieses Festes um den greisen Simeon und Hanna. In der Musik können wir dem Glück auf die Spur gehen und unserer eigenen Dankbarkeit auch. Tun wir dieses mit Felix Mendelssohns „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“ mit dem RIAS-Kammerchor unter Marcus Creed von 1999 in einer klassischen Komposition. https://www.youtube.com/watch?v=OoeIUK8a51o
In einer zweiten modernen Popfassung ist Simeon’s song im englischsprachigen Raum als Weihnachtslied bekannt. Chris Mc Clarney (amerik. christlicher Musiker aus Nashville-Tennessee, geb. 1979) https://www.youtube.com/watch?v=XDtuSazWrN4 repräsentiert für mich durch die Rauigkeit seiner Stimme und die eher leise Interpretation eher den greisen Simeon, - aber Nia Allen (amerik. Sängerin aus Los Angeles, lebt in Nashville) https://www.youtube.com/watch?v=SHP-mMZVwUo singt dieses Lied des Simeon auch sehr leidenschaftlich und drückt das große Glück nach der Sehnsucht wunderbar aus.
Bleibt / Bleiben Sie gesund und ich wünsche uns allen ein Stück Sehnsucht im Herzen!
Ihre und Eure Sonja Schek, Pfarreikirchenmusikerin
