Das Hohe Pfingstfest
Evangelium Joh 20,19-23:
„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.
Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
Schön, dass Sie, dass wir heute hier sind auf unserer Website, wo uns die Mitfeier am Gottesdienst in unserer Kirche auf 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschränkt ist! Obwohl wir am heutigen Sonntag ein Hochfest feiern. Viele Menschen, auch viele Christen, sehen das Pfingstfest vor allem als „verlängertes Wochenende“ und nutzen diese Tage für einen Kurzurlaub, fahren in die Berge oder ans Meer. Und warum auch nicht? Man kann Gott doch auch in der Natur nahe sein. Gott ist überall, nicht nur in der Kirche. Und es ist doch wertvoll, wenn die Menschen mit Familienangehörigen und Freunden etwas unternehmen und erleben, was ihrer Seele guttut?!
Solche Sätze kann man vielfach hören und lesen. „Gott ist überall“ – dagegen ist natürlich auch gar nichts einzuwenden; und dass Aktivitäten mit Familie und Gleichgesinnten Gemeinschaft stiften, ist ebenfalls richtig. Und dennoch: Ist es wirklich dasselbe, ob wir einen Gottesdienst in der Gemeinde feiern oder eine Wanderung mit Freunden machen?
Wir wissen, dass viele Menschen mit kirchlichen Veranstaltungen nicht mehr viel anfangen können. Der Gottesdienstbesuch an „normalen“ Sonntagen spricht eine deutliche Sprache. Das heißt allerdings nicht, dass die Menschen, die selten eine Kirche betreten, ungläubig sind. Manche sind auf der Suche, wie sie – auch gemeinsam – ihren Glauben leben können. Und Gott entscheidet selbst, wie und wo er sich zu erfahren gibt. Die alltäglichen Räume und Situationen kommen dafür ebenso in Frage wie die besonderen, die kirchlichen Räume ebenso wie die Natur. Daraus folgern etliche, übrigens auch Theologen, es sei zwar gut und nützlich, zum Gottesdienst zu gehen, aber nicht unbedingt nötig, weil ja im Prinzip alles Gottesdienst sein kann – im Zweifel auch ein Grillfest oder ein Minigolfturnier.
Ich meine dagegen: Glaube entsteht nicht aus dem Nichts, er muss gelebt und er will gefeiert werden, am besten mit anderen. Die Erfahrungen, die Menschen mit Gott machen, müssen weitergesagt, die Geschichte von Jesus muss erzählt werden. So ist es damals am ersten Pfingsttag und dann 2000 Jahre lang geschehen, und so geschieht es immer wieder: wenn wir miteinander Gottesdienst halten, aber natürlich auch, wenn Eltern ihren Kindern biblische Geschichten vorlesen, wenn Großeltern mit ihren Enkeln beten, es geschieht durch Katechese und die gemeinsame Feier der Sakramente.
Und wenn wir das alles über Bord werfen – sind wir dann wirklich imstande, die Spuren Gottes in unserem Leben auszumachen? Entdecken wir sie dann in unserem Alltag, bei der Arbeit, in der Freizeit? Sind wir dann in der Lage, Gottes Gegenwart auch am Strand oder im Einkaufszentrum zu spüren? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Gott mehr und mehr aus dem Leben, Denken und Fühlen der Menschen verschwindet, wenn sie sich keine Zeit mehr für ihn nehmen und so auch keine „Glaubenszeugnisse“ mehr mitbekommen? Denn auch das ist und leistet der Gottesdienst – ob an einem Hochfest, einem „normalen“ Sonntag im Jahreskreis oder an einem Werktag –: Er ist ein Rahmen, in dem Glaubenszeugnisse erzählt, bewahrt und weitergegeben werden. Im Gottesdienst vergegenwärtigen wir uns, wie Menschen vor uns geglaubt haben und wie Menschen heute miteinander glauben.
Man sagt, das erste Pfingstfest sei die Geburtsstunde der Kirche gewesen. Die Freunde Jesu wurden von der Furcht befreit, die sie ans Haus gefesselt hatte, und mit der Kraft des Geistes erfüllt. Alle Zaghaftigkeit und Niedergeschlagenheit fiel von ihnen ab. Sie fühlten sich stark, auch andere zu begeistern. Sie traten an die Öffentlichkeit, standen für ihren Glauben ein – und so wurde Kirche, denn viele wollten dazugehören und sich mit den Jüngerinnen und Jüngern zum „Mahl des Herrn“ versammeln.
Jeder Gottesdienst ist ein Gemeinschaftserlebnis, ähnlich wie ein Gartenfest im Freundeskreis und doch ganz anders. Denn ein Gottesdienst ist mehr, er ist vor allem das, was der Name sagt: Wir kommen als Gemeinde zusammen, um Gott die Ehre zu geben.
Gewiss tut uns das gut. Wir hören von Jesus und werden von ihm gestärkt; wir bestärken uns gegenseitig und schöpfen neue Kraft; wir finden Nahrung für unsere Seelen. Und doch ist Gottesdienst in erster Linie „Dienst für Gott“ und nicht ein Event für das Publikum. Es scheint fast so, als sei es heute nötig, den Leuten immer wieder etwas Neues, möglichst Spektakuläres zu bieten, damit sie bei der Stange bleiben und wiederkommen. Nichts spricht natürlich dagegen, einen Gottesdienst besonders zu gestalten – nicht nur, aber vor allem an einem Festtag. Doch ein Gottesdienst, eine heilige Messe, eine Wort-Gottes-Feier, eine Andacht ist etwas anderes als eine Konzert- oder Theateraufführung. Und es ist eben nicht gleichgültig, ob wir uns an einem Tag wie heute im Kirchenraum versammeln, um das Wort des Herrn zu hören – was den meisten Gemeindemitgliedern heute verwehrt ist - oder ob wir einen Ausflug ins Grüne machen. Dafür ist ja an diesem langen Wochenende immer noch ausreichend Zeit.
Es heißt: Der Geist weht, wo er will. Er weht vielleicht auch beim Open-Air-Konzert, oder wenn wir mit Freunden durch den Wald wandern. Doch ich bin sicher, dass der Geist heute auch in unserer Mitte zu Hause anwesend ist – dass er wirkt, wenn wir gemeinsam beten und singen und uns seiner Kraft öffnen. Denn das gehört auch dazu: die Bereitschaft, den Geist zu empfangen, damit wir in dieser Kraft Gott in der Welt bezeugen können.
Bleiben wir weiterhin im Gebet miteinander verbunden!
Ich wünsche allen einen gesegnetes und frohmachendes Pfingstfest.
Seid herzlich gesegnet und gegrüßt von Eurem Pfarrer
Rainer Lau
