Ich weiß, du bist bei mir
Heute ist ein schöner und zugleich trauriger Tag. Es ist oder besser gesagt es wäre der 83. Geburtstag meines Papas. Meine Mama sagt noch heute oft: „Da ist sie wieder – das Papakind.“ Das bin ich, ein Papakind. Mein Vater und ich hatten immer eine ganz besondere Beziehung. Er war der, der mich seit meinem 4. Lebensjahr 5 Mal die Woche zum Training brachte, er fuhr mit mir durch die halbe Republik zu Musikkonzerten und wartete bis spät in die Nacht um mit mir wieder nach Hause zu fahren, er unterschrieb mit einem Lächeln die 5 in Mathe und schimpfte auch nicht über die Beule in seinem niegelnagelneuen Ford. Ich war nicht da als er friedlich einschlief, aber er ließ mir über meine Mama ausrichten, das er nun zu meinem Vater heimkehre. Das war das Schönste, was er zu mir sagen konnte. Mein Vater war kein gläubiger Mensch. Nein, eine Kirche hat er nur zu meiner Taufe, Konfirmation und Hochzeit betreten. Sonst verstand er nicht, warum ich so fest an Gott, meinen Vater glaubte. Musste er auch nicht, es war mir wichtig, dass er es akzeptierte. Das tat er. Mit eben dieser Vorgeschichte, war ich so unendlich dankbar, dass er glaubte zu meinem Vater zu gehen und die damit verbundene Hoffnung zu haben, dass er ein gutes Ende haben würde. Und doch war ich auf einmal allein. Allein mit meinem Schmerz, allein ohne meinen Fels in der Brandung. Ich hatte das große Gefühl verloren zu sein. Vielleicht kennen Sie das Gefühl nur zu gut. In dem Moment hilft erst einmal nichts. Wir bräuchten jemanden, der uns stützt, der für uns betet, dann wenn wir sprachlos geworden sind.
Gerade in diesen Momenten des Abschieds und des Alleinseins brauchen wir etwas, das uns Halt und Orientierung gibt. Ich bin weder ein Profi in Sachen Glaube und Gerechtigkeit, noch einer in Sachen Liebe und Lebensmut. Sonst würde ich das Gefühl des Alleinseins ja gar nicht kennen. Ich würde mir auch nicht wünschen, all diese liebevollen Momente festzuhalten, ein Festhalten des Augenblicks. Abschiede funktionieren wohl so. Wir wünschen uns etwas an dem wir festhalten können.
Auch die Jünger haben sich nach der Himmelfahrt Jesu schrecklich gefühlt. Sie starrten zum Himmel und waren sprachlos. Er war weg – Jesus war weg. Sie waren plötzlich allein und verlassen. Was haben sie alles gedacht? Vielleicht erinnerten sie sich daran, wie es war, als er ihnen auf dem Weg nach Emmaus erschien. Wie er mit ihnen gewandert ist, ihnen die Schrift auslegte und wie er mit ihnen gegessen hatte. Ihr Herz schlug schneller, es war ein Augenblick zum Festhalten. Jesus sagte seinen Jüngern, dass sie nicht allein sein werden. Er würde ihnen den Heiligen Geist zur Seite stellen. Ein Zeichen des Trostes, das lange auf sich warten ließ. Bis Pfingsten waren es 50 lange Tage, die sie auf sich gestellt waren und in denen sie ihre Abschiedsgedanken in sich trugen. Doch sie wurden in ihrem Vertrauen auf Jesus nicht enttäuscht, der Heilige Geist kam und etwas Neues begann.
So wie die Jünger damals darauf vertrauten, dass Jesus ihnen auch dann ganz nahe ist, wenn sie ihn nicht sehen, darf ich wissen, dass auch ich nie ganz allein bin und mein Papa seinen Platz im Haus des Herrn gefunden hat. Was mir in meinem Leben fehlt, kann ich mir nicht selbst geben, aber ich kann es mir schenken lassen. Von Gott, denn er schenkt mir das Leben und die Gewissheit, nie allein zu sein. Auch in den Momenten des Alleinseins und der Trauer. So wie heute.
Ich wünsche Ihnen allen von Herzen, dass Sie in Tagen der Trauer wissen, dass Gott uns in seinen Armen hält und nicht fallen lässt. Wir fallen nur so tief, wie Gottes Arme uns auffangen.
Ihre Anja Schmidt
Gemeindeassistentin
