Impuls

Tagesimpuls 24.04.2020

Bild: Sonja Schek, Ausschnitt des Orgelspieltischs der Seifert Orgel in Salvator-Lichtenrade

„Hört doch mal rein“

Am Anfang meines Berufslebens, die Kirchenmusikschule war bestanden und beendet, fiel mir in den Gottesdiensten auf, dass zwei Psalmen immer wieder bevorzugt in die Gottesdienste Einzug hielten   -  mit der Bemerkung von Pfarrer Lischka: „Passt immer!“

Das waren die damaligen Nummern 718 und 719. Die Nummern brannten sich mir positiv ein. Schlug man das Gotteslob auf, lagen die beiden Psalmen nebeneinander:  Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ und Psalm 27 „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“. Psalm 27 ist heute Bestandteil der Tageslesungen. (Zwei  Alternativen boten die Tageslesungen: 1. Die Apostelgeschichte und ein Lob über das Leid, das die Apostel sich freuen, in Jesu Namen erleiden zu dürfen…. Ein schwieriges Thema, musikalisch sicher nicht oft umgesetzt … und die 2. Alternative: das uns sicher schon aus Kindertagen gut bekannte Evangelium: „5 Brote und 2 Fische…“ Für heute bleibe ich mal bei dem Psalm! Was haben diese Psalmen gemeinsam; warum hat diese Wortwahl mich schon immer angesprochen?

„Im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit“, aus Psalm 23 und

„danach verlangt mich: Im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens“ und

„denn er birgt mich in seinem Haus am Tage des Unheils“ , aus Psalm 27

und um noch einen Psalm hinzuzunehmen, Psalm 84: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“

DAS ZUHAUSE! DAS HAUS! DIE WOHNUNG! Wie verlangt uns,

·         die wir ein geistliches Zuhause in unserer Gemeinde Salvator haben durch Verkündigung,

·         die wir ein gesellschaftlich-soziales Zuhause in unserer Gemeinde haben durch die liebgewordenen Kontakte,

·         die wir ein heimatlich- architektonisches Zuhause in diesem vertrauten Raum der wunderbar hellen Salvatorkirche gefunden haben, durch unzählige Besuche vor Ort, wo  so viele unserer Feste, Trauerfeiern, Sehnsüchte, Sorgen, Gebete  und friedvollen Gedanken einen Weg zu Gott gefunden haben und ER einen Weg zu uns…

wie verlangt uns nach diesem Zuhause in diesen Zeiten der Pandemie.

Ich vermisse dieses Zuhause in seinen vielen Schichten. Sehnsucht nach dieser Wohnung, zusammen mit der Intensität des bitte-jetzt-Wollens, des Nicht-mehr-warten-Wollens, zusammen mit der Lieblichkeit, der sanften Schönheit von etwas ganz Kostbarem und Wunderbarem, das mir verheißen wird, das ich sehen darf,…

Und so sind die Psalmen: sie holen mich ab in meinem Gefühl, deshalb gibt es die lobenden, fluchenden, sehnsuchtsvollen, zerknirschten, bittenden Psalmen.

In meinem Hörbeispiel heute mute ich Ihnen und Euch noch einmal Johannes Brahms zu. Dieser IV. und damit DER zentrale Satz(!) des Dt. Requiems war schon immer mein zuverlässig liebster, (andere meiner musikalischen Vorlieben haben sicher gewechselt):

„Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth.

Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn.

Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott!“

Spüren Sie, wenn Sie wollen, doch mal genau dieser Sehnsucht nach,… die Geige – ganz alleine, zusammen mit den Tenören, die Flöten und Hörner, … was schaffen die vielen, so tiefen Streicher, um anzukommen bei uns …, und dann, wenn die Lieblichkeit, die Schönheit des Zuhauses beschrieben wird, die Harfe, gezupfte Streicher… und loben, … so wie das Lob hier entsteht, kann man nicht alleine, das geht nur in einem großen gemischten Chor, nur so schwillt das Lob weit hinauf in den Himmel, eine Stimme allein vermag das nicht. Und so kommen diese Stimmen nach und nach zusammen, in einem fugischen Einsatz, wie man in der Musik sagt. Die Sopranstimmen bis zum hohen As… da muss man in seinem Jubel seine Komfortzone verlassen. Wie befreiend! Lassen Sie doch die Musik mal durch Ihren Körper hindurch,… am Besten mit Kopfhörern und im Lieblingssessel  mit geschlossenen Augen…

Dass wir nach und nach wieder zusammenkommen und unserer Zuneigung und Dankbarkeit zu diesem Zuhause Ausdruck verleihen können, das wünsche ich uns so bald. Bis dahin fühle ich mich abgeholt mit der Sehnsucht in: „Hört doch mal rein“: „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ , dem IV. und zentralen Satz aus dem Dt. Requiem von Johannes Brahms unter der Leitung von John Eliot Gardiner von 1991.

https://www.youtube.com/watch?v=G2iKPYd0cD0

Bis zum nächsten Freitag wünsche ich uns eine gute Sehnsucht, die uns träumen läßt von der Zeit nach Corona. Der 27. Psalm endet mit den wunderbaren Worten: „Hoffe auf den Herrn und sei stark! Hab festen Mut und hoffe auf den Herrn!“

Ihre und Eure

Sonja Schek,
Kirchenmusikerin