Impuls

Tagesimpuls 23.04.2020

Ein Zipfelchen Demut

 

Zu Ostern bekam ich einen Brief von meinem Patenkind Jakob. Er ist 18 Jahre alt und studiert in Greifswald. Schon immer haben wir ein sehr gutes freundschaftliches Verhältnis. Besonders mag ich es, wenn wir „streiten“. Nein, nicht böse, sondern wir diskutieren über was auch immer und dann prallen 20 Jahre Altersunterschied eben manchmal auch aufeinander. So wie dieses Mal. Sein Brief zu Ostern hat mich sehr berührt – hatte er doch das Thema Demut. Ich habe seit langem ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Wort. Jakob's Idee von Demut ist Dankbarkeit, Wertschätzung und Bescheidenheit. Die Idee gefällt mir besser, als das was ich über Demut im Studium und Leben gelernt habe.

 

Die ursprüngliche Bedeutung mit dem althochdeutschen Wort 'diomuoti' als dienstwillig ausgedrückt, stellt sich gegen meine Vorstellung von Gottes geschenkter Freiheit an uns. Wie kann ein Gott, der mir Freiheit in seiner Welt schenkt, von mir einen Dienstwillen verlangen. Ich stelle mich gerne in seinen Dienst, ja, aber eben in seiner Freiheit und mit einem frei gewählten Willen. Das ist kompliziert und je mehr ich darüber nachdenke, umso schlechter wird meine Beziehung zu diesem Wort. Gehe ich dann noch auf die mittelalterliche Ausnutzung des Wortes ein, möchte ich es am liebsten aus dem Duden streichen. Im mittelalterlichen Kontext ist das Wort 'Demut' ganz eng mit dem Wort 'Unterdrückung' verbunden. Und nein, das geht nun gar nicht überein mit meiner Vorstellung von Gottes Freiheit.

 

Also nehme ich mir doch wieder Jakobs Brief und denke über seine Worte noch einmal nach – Dankbarkeit – Wertschätzung – Bescheidenheit. Große Worte.

Demut hat in meinen Augen definitiv etwas mit Dankbarkeit zu tun. Ich kann für vieles dankbar sein, letztendlich führt sich diese Dankbarkeit aber immer auf Gott zurück. Denn Dankbarkeit beginnt dort, wo ich lerne, das mein Leben nicht durch mich selber entsteht, sondern es ein Leben ist, das nur allein durch Gottes Kraft geschenkt wurde. Das muss ich für mich erkennen, da ich sonst kein Leben in Gottes freiem Willen, also in seiner mir geschenkten Freiheit führen kann. In dieses freie Leben gehört auch Wertschätzung und Bescheidenheit. Die Wertschätzung vor Gottes großer Schöpfung und seiner Idee von einem gutem Leben für uns. Das zu erkennen, kann manchmal ein ganzes Leben dauern. Nicht immer sind wir mit Gottes Plan einverstanden und nicht immer schätzen wir seine Schöpfung, nur weil befürchten, das uns dadurch ein vermeintlich besseres Leben verloren geht. Wir betreiben Raubbau an seiner Schöpfung, weil wir eben nicht bescheiden sein können. Weil wir eine andere Vorstellung und einen anderen Plan von einem Leben im Einklang mit ihm haben. So sind wir Menschen. Ich glaube fest daran, dass Gott uns diese Schwäche verzeiht und eventuell sogar mit eingeplant hat.

 

Je mehr ich darüber nachdenke, glaube ich, dass genau diese drei Deutungen des Wortes Demut – Dankbarkeit – Wertschätzung – Bescheidenheit – der Schlüssel zum Erkennen des Augenblicks sind. Denn diese 3 öffnen uns für alles, was das Leben für uns bereithält. Oft verstricken wir uns und versperren uns den Weg selbst zu Gottes Reichtum. Je mehr uns Äußerlichkeiten wichtig werden, desto weiter entfernen wir uns von ihm und auch von uns selbst. Streben nach Äußerlichkeiten verschließt unsere Herzen und entfernt uns von dem erfüllten Leben, welches Gott für uns bereithält.

 

Demut ist nicht die Schwäche zum aufrechten Gang oder verminderte Selbstwertgefühle. Demut ist das Positive, was unser Leben ausmacht und wenn wir nur ein Zipfelchen davon in der Hand halten und im Herzen tragen, wachsen wir jeden Tag ein Stück mehr und finden unseren eigenen Weg zu Dankbarkeit, Wertschätzung und Bescheidenheit.

 

Ich wünsche Ihnen allen von Herzen, dass Sie Ihr Zipfelchen Demut finden oder bereits gefunden haben und dass sie das durch diese Zeit trägt und wir in ein paar Tagen, Wochen, Monaten voller Dankbarkeit und Wertschätzung auf Gottes Plan zurückschauen und erkennen – Ja, es war gut.

 

Ihre Anja Schmidt,
Gemeindeassistentin