Liebe Schwestern und Brüder,
als der christliche Philosoph Pascal im 17. Jahrhundert zu sehr die Leitung der Kirche kritisierte, wurde ihm für eine gewisse Zeit verboten, die Eucharistie zu empfangen. Die Kirche zweifelte an seiner Rechtgläubigkeit. Es wird erzählt, dass er in dieser Zeit einen kranken Menschen in seinem Haus aufnahm und pflegte, damit er auf diese Weise wieder dem Herrn nahe ist.
Wie ist das zu verstehen? Der Schlüssel für die Antwort auf diese Frage ist im Evangelium des zweiten Sonntags der Osterzeit beschrieben. Wir kennen den Text als das Evangelium vom ungläubigen Thomas. Wir wissen nicht viel über ihn. Thomas gehörte nicht zu den Wortführern im Kreis der Jünger. Dass er aber nur als ungläubiger Thomas bezeichnet wird, wird ihm nicht gerecht. Er war vor allem ein entschiedener Jünger, der bereit war, sein Leben für Jesus zu geben: Gehen wir mit ihm, um mit ihm zu sterben! Das sagte Thomas zu den anderen Jüngern, die Jesus hindern wollten, nach Bethanien zu seinem Freund Lazarus zu gehen, der krank war. Jesus hatte sich in Jerusalem gerade erst dem Zugriff seiner Verfolger entzogen, die ihn steinigen wollten. Jesus wollte nun wieder in die Nähe von Jerusalem. Das war gefährlich. Dennoch fordert der entschiedene Jünger Thomas die anderen auf mitzugehen, auch wenn es das Leben kostet.
Entschieden und doch nicht so ungläubig, wie wir glauben. Diesen Gedanken fand ich einem Buch von Tomáš Halík, Professor für Soziologie und Pfarrer der Akademischen Gemeinde Prag, den ich schon einmal in einem Tagesimpuls zitiert habe.
Der Jünger Thomas hatte vielleicht nur einen anderen Glauben, der darin bestand, dass Jesus auferstanden ist, aber mit dieser Auferstehung nicht alles Leid vergessen und vorbei ist. Deshalb waren ihm die Wundmale wichtig. Er hat sie gesehen und berührt. Sie sind also noch immer da. Sie bleiben auch nach der Auferstehung. Vor diesem Hintergrund ist Thomas der Jünger, dessen Glaube nicht allein im Osterjubel besteht, sondern auch in der Erkenntnis, dass Leid und Trauer mit dem Osterfest nicht einfach weg sind. Damit ist Thomas der Jünger, dessen Glaube ganz nah am auferstandenen Herrn und ganz nah bei den Erfahrungen der Menschen war.
Thomas hat nicht gezögert als Christus ihn eingeladen hat, seine Hand in die Male der Nägel zu legen. Auf diese Weise war er mit dem Herrn direkt verbunden, mehr noch als es die anderen Jünger waren. So wie Thomas damals können wir unsere Hand heute nicht in die Seite des Herrn legen. Dennoch haben wir die Möglichkeit, Christus nahe zu sein, überall dort, wo Menschen leiden, wo Menschen Hilfe brauchen. Indem wir ihren Wunden nahe sind, sind wir mit dem lebendigen Christus verbunden. Denn was ihr einem der geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan, so spricht der Herr.
Der Apostel Thomas lädt uns ein, nicht die Augen vor der Welt, wie sie uns begegnet, zu verschließen. Gleichzeitig fordert er uns auf, als entschiedene Jüngerinnen und Jünger aus dem Glauben an den auferstandenen Herrn zu leben und nicht zu zögern, den Wunden der Menschen nahe zu sein.
Bleibt unter dem Schutz des lebendigen Gottes geborgen!
Ihr und Euer Diakon
Benno Bolze
