2. Sonntag der Osterzeit
Oktavtag von Ostern
Weißer Sonntag
Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit
Es gibt manchmal Sonn-oder Feiertage im Kirchenjahr, die sehr überlastet sind mit verschiedenen Titeln und Anliegen. Die Titel, die dieser Sonntag trägt, haben zwar alle etwas miteinander zu tun, sind aber schon für sich eigene Aspekte der Österlichen Botschaften.
Liebe Schwestern und Brüder, da Pfr. Stephen in seinem gestrigen Tagesimpuls auf das Thema des heutigen Evangeliumstextes eingegangen ist, zitiere ich die 2. Lesung dieses Sonntags aus dem ersten Brief des Apostels Petrus:
„Gepriesen sei
der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus:
Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu gezeugt
zu einer lebendigen Hoffnung
durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
zu einem unzerstörbaren,
makellosen und unvergänglichen Erbe,
das im Himmel für euch aufbewahrt ist.
Gottes Kraft behütet euch durch den Glauben,
damit ihr die Rettung erlangt,
die am Ende der Zeit offenbart werden soll.
Deshalb seid ihr voll Freude,
wenn es für kurze Zeit jetzt sein muss,
dass ihr durch mancherlei Prüfungen betrübt werdet.
Dadurch soll sich eure Standfestigkeit im Glauben,
die kostbarer ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde
und doch vergänglich ist,
herausstellen –
zu Lob, Herrlichkeit und Ehre
bei der Offenbarung Jesu Christi.
Ihn habt ihr nicht gesehen
und dennoch liebt ihr ihn;
ihr seht ihn auch jetzt nicht;
aber ihr glaubt an ihn und jubelt
in unaussprechlicher und von Herrlichkeit erfüllter Freude,
da ihr das Ziel eures Glaubens empfangen werdet:
eure Rettung.“
Wie kann man lieben, was man nicht sieht? Den allermeisten Menschen sind Bilder von denen, die sie lieben, wichtig: auf dem Handy, in der Brieftasche, an den Wänden. Fotos sind allerdings eine Erfindung. der Neuzeit. Früher gab es Abbildungen von Personen nur als Porträts oder als Statuen und sie waren oft alles andere als naturgetreu. Manchmal wurden die Bilder so gemalt, dass die Person ein wenig schöner wurde. Die dicke Nase wurde schlanker, die Falten waren wie weggeblasen. Ambitionierte Maler wollten ohnehin nicht nur die Äußerlichkeit der Person darstellen, sondern innere Eigenschaften. Da erscheint dann der Herr Kurfürst verwegen und das Burgfräulein sittsam und tugendhaft. Aber auch die moderne Bildbearbeitung verfügt über unzählige Tricks, dass das Foto manchmal schöner wird als das Original. Nie sollte man vergessen: Jedes Foto, jedes Bild stellt nur eine kleine Momentaufnahme dar, es ist nur ein Hinweis auf einen Menschen, der sich Zeit seines Lebens verändert, innerlich und äußerlich.
Eine der zentralen Botschaften des Alten, des Ersten Testaments lautet: Gott kann niemand sehen (vgl. Ex 33,20). Von Gott soll man sich kein Kultbild machen, so heißt es im zweiten Gebot (vgl. Ex 20,4). Für zu groß hielt man die Gefahr, dass das Bild mit dem unfassbaren Gott verwechselt werden könnte. In der Zeit des römischen Weltreichs hatte dieses Gebot eine besondere Aktualität: Gerade in den Provinzen fernab von Rom ließ sich der gottähnliche Kaiser von manchmal imposanten Statuen vertreten. Die Menschen waren verpflichtet, ihnen Ehrerbietung zu erweisen. Dabei sieht der Verfasser des 1. Petrusbriefes das durchaus nüchtern: Die Christen sollen den Kaiser ehren (2,17), aber eine Verehrung als Gott konnte damit auf keinen Fall gemeint sein. Der christliche Gott blieb unsichtbar, er durfte auf keinen Fall in Bildern dargestellt werden. Auch der auferstandene Jesus blieb den Adressaten des Briefes unsichtbar, anders als den Osterzeugen. Umso wichtiger ist dann aber die Frage: Wie soll das gehen: Jemand lieben, den man nicht sieht?
Nun ist es so, dass in diesem Leben niemand Gott auf direktem Weg erfahren kann. Wir erleben ihn nur über Umwege: durch die Sprache der Schöpfung, durch das Nachdenken über den eigenen Lebensweg, durch die Stimme des Gewissens, im Hören auf die Schrift, nicht zuletzt durch die Liebe von anderen Menschen. Er zeigt sich auf ganz verschiedene Weise, aber wahrnehmen kann man ihn nur, wenn man sich auf ihn ausgerichtet hat. Es ist wie mit einem Radio: Ohne Antenne hört man nur ein Rauschen. Erst mit einer Antenne hört man Musik und Stimmen und selbst dann muss sie gut ausgerichtet sein.
Natürlich hinkt der Vergleich. Denn ob es die Antenne zu Gott hin gibt, kann nur jeder für sich selbst klären. Beweisen lässt es sich nicht. Genau das ist es, was den Glauben schwierig und schön zugleich macht. Wir werden in diesem Leben nie die Sicherheit haben, ob es nun stimmt oder ob wir uns nur etwas einreden. Umgekehrt wäre ein Glaube, in dem es eine 100% Sicherheit gibt, kein Glaube mehr. So bleibt der Glaube ein lebenslanger Prozess.
Eine der Grundbotschaften des Neuen Testaments lautet: Gott hat uns zuerst geliebt (vgl. 1 Joh 4,10). Geliebt wie ein barmherziger Vater, der auf den Sohn wartet, der eigene Wege gegangen ist. Geliebt wie der Hirte, der das verirrte Schaf sucht (vgl. Lk 15,3-7.11-32). Ob ich das auf mich übertragen kann, das ist meine Entscheidung. Vielleicht nehme ich diese Liebe überhaupt nicht wahr? Vielleicht fühle ich mich nicht angesprochen? Spät erst habe ich dich erkannt, spät erst dich geliebt, sagt Augustinus. Manchmal braucht man fast ein Leben, bis die Antenne das von Gott empfängt, was für das Leben wichtig ist.
Dass wir zuerst geliebt sind, ist die wichtigste Voraussetzung, dass wir Gott bzw. Christus lieben können. Doch selbst dann bleibt es eine Liebe zu jemandem, den man nicht sieht. Es gibt im menschlichen Leben nur eine Situation, in der man jemanden liebt, den man noch nie gesehen hat: Das ist die Liebe der Mutter zu ihrem ungeborenen Kind. Das mag auf den ersten Blick ein gewagter Vergleich sein: Gott als ein ungeborenes Kind. Aber viele christliche Denker sind sich einig: Gott ist nicht nur unendlich groß, sondern auch ganz nahe. Wir sind seine Verstecke, so sagt es der Dichter und Theologe Kurt Marti. Gott ist für uns Menschen immer ein Gott, der im Werden, im Entstehen ist: Noch haben wir seine Größe nicht vollständig erfahren, noch erleben wir eher seine Ohnmacht als seine Allmacht, noch scheint er oft ein verborgener Gott zu sein, eben wie ein Kind, das noch nicht geboren ist.
Lieben, was man nicht sieht. Das bleibt ein schwieriger Weg, das ist ein Auf und Ab. Es kann nur dann gelingen, wenn und weil Gott diese Liebe möglich macht; sie ist zuerst Geschenk. Erst am Ende unseres Lebens werden wir Gott schauen können. Noch einmal Augustinus: Unser ganzer Lohn ist Sehen - dieses glückliche Sehen, dass man manchmal bei Eltern oder Großeltern findet, die sich an dem kleinen Kind nicht satt sehen können.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die mir auf sehr unterschiedliche Art und Weise Ostergrüße haben zukommen lassen!
Bleiben wir weiterhin im Gebet miteinander verbunden!
Ich wünsche allen einen gesegnetes und frohmachenden 2. Ostersonntag.
Seid herzlich gesegnet und gegrüßt von Eurem Pfarrer
Rainer Lau
