Impuls

Tagesimpuls 16.04.2020

Wo ist Galiläa?

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

im Osterevangelium wird uns von der Auferstehung Jesu berichtet. Die Frauen eilten zum Grab, fanden aber den Leichnam Jesu nicht. Der Engel verkündete den Frauen die gute Nachricht: Jesus ist auferstanden. Mit großer Freude verließen sie das Grab und auf ihrem Weg zu den Jüngern begegnet ihnen Christus, der Auferstandene. Was für eine großartige Botschaft: Er ist auferstanden, er ist nicht hier!

Diese zentrale Aussage bestimmt die Texte des Osterfestes. Da kann es leicht passieren, dass weitere Sätze des Osterevangeliums übersehen werden. Dazu zählt der Satz: Geht nach Galiläa, dort werdet ihr mich sehen. Gemeint sind die Jüngerinnen und Jünger, die wieder nach Galiläa gehen sollen, wo sie Christus erwartet. Gleich zweimal hören wir diese Aufforderung im kurzen Text des Evangeliums der Osternacht. Zunächst hören wir diese Worte vom Engel am Grab, dann fordert Christus selbst dazu auf.

Warum nach Galiläa und wo ist dieses Galiläa? Jesus lebte dort. Erst am Ende seines Wirkens zog er mit seinen Jüngerinnen und Jüngern nach Jerusalem hinauf. Dort wurde er gekreuzigt und ist von den Toten auferstanden. Die wenigen Freunde, die ihm noch gefolgt waren, waren auch in Jerusalem, das ungefähr 160 km vom See Genezareth in Galiläa (auf dem Bild zu sehen) entfernt ist. Nach seiner Auferstehung ist Christus seinen Jüngern dann am See Genezareth erschienen, in der ihnen vertrauten Umgebung, zuhause könnte man sagen. Das ist eine Erklärung, warum die Jünger dorthin gehen sollten.  

Dennoch ist meine Frage - wo ist dieses Galiläa - damit nur zum Teil beantwortet, vor allem wenn ich die Frage etwas erweitere: Wo ist dieses Galiläa heute? Geographisch natürlich am gleichen Ort wie damals. Das meine ich aber nicht. Die Aufforderung, heute nach Galiläa zu gehen, bedeutet der Frage nachzugehen, wo ist heute eine Begegnung mit dem auferstandenen Christus möglich?

In den letzten Tagen habe ich einen Text von Tomáš Halík gelesen, einem der bekanntesten katholischen Theologen unserer Zeit. In diesem Text, den er wenige Tage vor Ostern geschrieben hat, geht er der Frage nach, wo das Galiläa unserer Zeit ist. Er schreibt: „Dieses Jahr an Ostern werden wahrscheinlich viele unserer Kirchen leer sein. … Wenn uns die Leere der Kirche an ein leeres Grab erinnern wird, dann sollten wir nicht die Stimme von oben überhören: Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa.“

Eine Provokation, dachte ich beim ersten Lesen. Aber wenn man seine weiteren Ausführungen liest, wird deutlich, dass Halík diesen Satz, so einseitig er auch klingen mag, nicht so einseitig meint. Er spricht davon, ein gewandeltes Christsein zu leben, das ausgehend vom Schatz unseres Glaubens und unserer Tradition bei den Suchenden unserer Zeit ist. Er meint damit eine Kirche, die auf dem Weg ist mit den Menschen, die nach Trost und Hilfe, nach dem Sinn des Lebens, nach Gott suchen. Dort ist die Begegnung mit dem Auferstandenen möglich, dort sind Galiläa-Erfahrungen unserer Tage möglich. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen, sagt der Herr.

 

Vielen Menschen in der Kirche wird der Weg in dieses andere, „neue Galiläa“ mindestens so weit erscheinen wie die 160 km von Jerusalem bis nach Galiläa. Aber der Weg lohnt sich, denn im „neuen Galiläa“ wartet Christus auf uns.

 

Ich lade Sie und Euch ein, mal zu schauen, was der eigene Routenplaner und der Routenplaner unserer Gemeinde schon alles bereithält, um in das Galiläa der heutigen Zeit zu kommen. 

 

Bleibt unter dem Schutz des mitgehenden Gottes geborgen!

 

Ihr und Euer Diakon

Benno Bolze