Impuls

Tagesimpuls 15.05.2020

Bild: Sonja Schek, Ausschnitt des Orgelspieltischs der Seifert Orgel in Salvator-Lichtenrade

„Hört doch mal rein…“

Letzte Woche im Gespräch vor der Kirche sagte mir jemand mit enttäuschter Stimme: „ Mensch, Sonja, es ist doch der Monat Mai, der Marienmonat. Da dachte ich, Du schreibst etwas über Maria! Aber mit Maria hast Du es ja wohl nicht so…“

Ganz das Gegenteil ist der Fall! Schon als Jugendliche war mir das Magnificat von J. S. Bach eines der liebsten Musikstücke. Voll Freude habe ich es gesungen…, wenn auch auf Latein, aber das war meine erste Fremdsprache, also nichts Erschreckendes… „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter...“ Worte, die mir so vertraut sind, wie kaum ein anderes Lied oder Gebet. Worte, die meine Seele mitjubelt, die mir immer wieder Kraft geben, sobald ich sie singe. Dieses Gebet, das Maria im Lukasevangelium in den Mund gelegt wurde, und das die Kirche als so wichtig erachtete, dass es im TÄGLICHEN christlichen Abendgebet der Vesper von jeher seinen festen Platz hatte, wie auch im Anglikanischen Evensong! Ein Lied, das nicht ÜBER Maria gesungen wird, sondern MIT IHR zu Gott hin.

Wenn der Lobpreis in Marias Lied mal vorbei ist, dann kommt ihr Protest, …Veränderung steht an!!!: „Er macht die Pläne der Stolzen zunichte, er stürzt die Mächtigen, er bringt die Armen zu Ehren, beschenkt Hungrige und jagt Reiche fort.“ Ja, Maria! Die Mächtigen, die ihre Macht missbrauchen! Die Reichen, die nicht teilen… Genau! Dann kehrt das Lied zurück zum Lob… „er denkt an seine Nachkommen für ewige Zeiten“. Wie tröstlich! Ein dramatischer Text und was für ein kraftvolles Lied einer Frau! Ich mag es sehr!

Mit der stärkeren Verbreitung des Stundengebetes wurde das Magnificat bekannter. Der Text aus dem Lukasevangelium, das ca. 80-90 n. Chr. datiert ist, ist also knapp 2000 Jahre alt und die überlieferte Musik dazu ist 1000 (!!!) Jahre alt. Alle großen Komponisten haben es vertont, es gibt zahlreiche schöne Beispiele in der Musik aus wirklich allen Epochen und Stilen. Hier nun der Text des Magnificat in ganzer Länge Lk1, 46-55, aber in modernen Worten von Ida Lamp: „Maria singt:

Meine Seele preist voll Freude den Herrn, mein Geist ist voll Jubel über Gott, meinen Retter.

Denn er hat gnädig auf seine arme Magd geschaut. Von nun an preisen alle Geschlechter mich glücklich. Denn der Mächtige hat an mir Großes getan; sein Name ist heilig.

Er schenkt sein Erbarmen von Geschlecht zu Geschlecht allen, die ihn fürchten und  ehren.

 

Sein starker Arm vollbringt gewaltige Taten: Er macht die Pläne der Stolzen zunichte;

er stürzt die Mächtigen vom Thron und bringt die Armen zu Ehren;

er beschenkt mit seinen Gaben die Hungrigen, die Reichen aber schickt er mit leeren Händen fort.

 

Er nimmt sich gnädig seines Knechtes Israel an, denn er denkt an sein Erbarmen,

das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen, für ewige Zeiten.

*Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit, Amen.

 

Für den historischen Genuss: Hier als erstes eine gregorianische Melodie des Magnificats aus Frankreich, Benediktiner-Abtei Saint Martin Ligugé in Poitiers, (Mutterhaus ist Solesmes, großes Zentrum der Gregorianik-Forschung), eine Aufnahme, die mir (bis auf die frz. Vokalfärbung und  das leider nicht korrekte Notenbild) stimmlich sehr gut gefällt (3:15min):

https://www.youtube.com/watch?v=EXub6v3e8-Y

Für den kurzen Genuss:  Magnificat in A-Dur von Charles Villiers Stanford (1852-1924)(5:52min) Prachtvoll gesungen vom Manchester Cathedral  Choir, Musik aus der Romantik, die den Inhalt emotional schon viel tiefer transportiert  :

https://www.youtube.com/watch?v=1acpuj8koao

Und für den langen Genuss ein üppiges Magnificat (1990) von John Rutter (*1945), (ca. 40 min, dafür muss man sich wieder Zeit nehmen) einem Komponisten, den ich Euch /Ihnen an dieser Stelle schon einmal vorgestellt habe, Musik von heute. Im ersten Satz z.B. wird das Wort „gnädig“ so zart vertont und „glücklich“ so kraftvoll, strahlend, der Lobpreis ist ein wunderbarer Tanz. Sein Magnificat hat 7 Sätze , mit Einschüben eines altenglischen Gebetes: „Of a Rose“ und dem Anfang vom Sanctus und einem marianischen Gebet im Schlussteil. Wunderschön ist auch „Esurientes“, der 6. Satz.

1Magnificat: https://www.youtube.com/watch?v=K9YRn0BVmWM

2Of a Rose (Engl. Gedicht eingefügt:): https://www.youtube.com/watch?v=g612BfT2NQU

3Quia fecit: https://www.youtube.com/watch?v=ezjRy0xLcxU

4Et Misericordia: https://www.youtube.com/watch?v=TwPMjelndWE

5Fecit potentiam: https://www.youtube.com/watch?v=AZ1Kx77y4CQ

6Esurientes implevit bonis: https://www.youtube.com/watch?v=kEott5t8B7g

7Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto: https://www.youtube.com/watch?v=-iKfzp3glIw

 

Schließen möchte ich mit einem Gebet aus einer Marienandacht von Ida Lamp:

Gott, wir preisen dich wie Maria, weil du groß bist;

Du bist der Atem, der uns Leben schenkt,

du bist die Leidenschaft, die uns vorantreibt,

du bist der Arm, der uns auffängt,

du bist der Mut, der uns widersprechen läßt,

du bist die Kraft unserer Schwachheit, du, Lebenskraft, die uns bewegt,

mit unseren kleinen Schritten den nächsten Schritt zu wagen.

Wir danken dir für alle Erfahrungen deiner Nähe

Und für unsere Weggefährten, unsere Schwestern und Brüder:

Sei du jetzt und immer mit uns auf unserem Lebensweg.

Lass uns dich erkennen und freudig bekennen in unserem Leben.

Darum bitten wir durch Jesus Christus, den Sohn Marias, unseren Menschenbruder, der mit dir lebt und im Geist uns belebt in Ewigkeit. Amen.

„Hört doch mal rein“, hier wieder nächsten Freitag, und achtet auf Euch/achten Sie auf sich!

Eure/Ihre Sonja Schek, Kirchenmusikerin

 

 

 

*Diese Schlussformel heißt Doxologie, Lobpreis Gottes in seiner Dreifaltigkeit, und wird am Ende eines jeden Psalmes und Canticums im Stundengebet gesungen, ist also nicht Evangeliumstext.