Wenn einer eine Reise macht...
Ich verreise für mein Leben gern. Ich entdecke gern neue Länder, Orte, Städte, Kirchen und Kulturen. Ich freue mich auf jeden geplanten Urlaub wie ein Kleinkind auf die Geburtstagsgeschenke. Dieses Jahr freue ich mich selbstverständlich auch auf meine geplanten Reisen, doch die Corona-Zeit hat mir meinen ersten Urlaub schon gestrichen. Noch besteht kein Grund zur Traurigkeit. Es sind ja immer noch die Erinnerungen vom letzten Urlaub präsent.
Letztes Jahr zur Osterzeit war ich mit meiner Familie in Vancouver. Voller Tatendrang verließen wir am Samstagmorgen das Hotel und der Concierge fragte uns freundlich, was wir wohl heute vorhätten. Ausführlich erklärte ich ihm auf dem Stadtplan, was ich heute alles sehen wollte. Als ich mit meinem Finger die Karte entlangfuhr und ihm sagte, dass ich am Abend die Cathedral of our Lady of the Holy Rosary besuchen wollte, schließlich war Ostern, schüttelte er vehement den Kopf und machte mit seinem Kugelschreiber ein dicke Kreuz über den Teil des Stadtplans! Nein nein nein, auf gar keinen Fall sollte ich dahin gehen. Das ist eine ganz schlimme Gegend in Vancouver. Ich widersprach und meinte, aber es ist doch auch die Bischofskirche, da kann doch nichts schlimmes passieren, wurde der Concierge fast ein wenig ärgerlich und meinte, ich solle unbedingt auf ihn hören, wenn ich Vancouver in guter Erinnerung behalten wolle. Er zeigte mir daraufhin mehrere Alternativen.
Wir verlebten einen wundervollen Tag in Vancouver und am Abend führte ich meine Familie trotzig zur Holy Rosary Church mitten in den Hochhäusern Vancouvers. Je näher wir kamen, umso besser konnte ich unseren Concierge verstehen und ich fühlte mich schlecht nicht auf ihn gehört zu haben. Rundherum um die Kirche waren Gewalt, Drogen, Armut und Obdachlosigkeit an der Tagesordnung. Die Kathedrale stand inmitten des Leids Vancouvers und leuchtete förmlich mit ihrer weißen Außenfassade in das Dunkel der Straßen. Als ich den Kirchenraum betrat, spürte ich große Erleichterung. Ich schaute mich um und ein Kirchenführer sprach uns an. Er erzählte blumig von der Schönheit der Kirche und erwähnte nichts von dem was vor der Kirche eigentlich passierte. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er salopp, ja dagegen könne man nichts ändern, wir sollen uns aber auf keinen Fall anbetteln lassen und sehr vorsichtig sein.
Ich kann dieses Bild nicht vergessen. Die Menschen, die rund um die Kirche um ihr Leben kämpfen, es sortieren möchten, ihrer Sucht nicht entkommen können und die manchmal auch Hilfe suchen. Ich habe schon oft überlegt, warum es in Downtown Vancouver, wo tagsüber das Leben und die Geschäfte boomen, wo Touristen ein Foto nach dem anderen schießen und für viele Dollar Souvenirs kaufen, einen ganzen Straßenzug gibt, der diese Geschäftigkeit durchbricht. Es ist die Hoffnung, die inmitten der Bürokomplexe und teuersten Eigentumswohnungen, dem Unheil trotzt. Ich gehe davon aus, dass die Kathedrale vor den Obdachlosen und Drogenabhängigen schon da stand. Die Menschen, die rundum die Kirche jetzt leben, haben eine Erwartung an sie. Sie sehnen sich nach Heil und Auswegen aus ihren Situationen. Sie suchen Gott und erwarten, dass er ihnen Hoffnung schenkt. Sie leben in der Nähe des friedvollen Vaters und warten von ihm gesehen und wahrgenommen zu werden. Dass er ihnen und ihren Sorgen, Ängsten, Süchten und in ihrem Leben begegnet. Sie sind auf der Suche nach seinem Heil. Das weiße Leuchten der Bischofskirche von Vancouver legt Wärme auf ihre Herzen und vermittelt Ruhe. Sicherlich gibt es auch ganz pragmatische Gründe, davon gehe ich fest aus, dennoch glaube ich genauso fest daran, dass sie eben nicht ihr Heil an einem der teuren Bürokomplexe gesucht haben, sondern eben an dieser Kirche.
Die Menschen haben eine Erwartung an die Kirche in solchen Krisensituationen, in welcher wir uns gerade befinden. Sie unterscheiden dabei nicht die Institution Kirche und die Menschen, die sie besuchen. Gerade jetzt bekomme ich sehr oft die Frage gestellt, warum macht dein Gott so etwas mit uns. Wenn ich dann antworte, weil er uns liebt, erhalte ich nicht selten einen zynischen Lacher. Die Frage ist uralt. Es wird wohl auch nie die eine Antwort darauf geben. Aber es gibt immer Hoffnung, weil der liebende, barmherzige und allmächtige Gott uns in seinen Armen empfängt und uns in seinen Händen trägt. Er hat uns die Freiheit der Entscheidung gegeben und für seine Schöpfung hat er uns die Verantwortung übertragen. Deswegen stelle ich die Frage gern um: Warum lassen wir zu, dass Gott leidet? Wie oder was beeinflusst unser Handeln – ist es so wie Gott uns das gewünscht hat? Wenn unser Herz krankt, kann es dann gut für seine Schöpfung wirken? Ist es nicht eher so, dass wir auf den Herrn schauen sollten und nach seinem Vorbild leben, damit wir kein Leid zulassen? Unser Hoffnungsträger ist Jesus Christus. Jesus als Gottes Sohn hat das Leiden und Sterben am Kreuz für jeden persönlich von uns durchgemacht. Jesus hat dieses Leid ertragen, um mir eine Perspektive zu geben. Er kennt die innere Zerrissenheit, den Schmerz und die Qual. So versteht er auch unser Leid, weil er selbst das Leid der Menschen getragen hat.
„Er nahm unsere Krankheiten auf sich und trug unsere Schmerzen. Und wir dachten, er wäre von Gott geächtet, geschlagen und erniedrigt! Doch wegen unserer Vergehen wurde er durchbohrt, wegen unserer Übertretungen zerschlagen. Er wurde gestraft, damit wir Frieden haben. Durch seine Wunden wurden wir geheilt!“ (Jesaja 53,4-5)
Gerade jetzt können wir wie die weiße Cathedral of our Lady of the Holy Rosary in Vancouver leuchten und Zeichen der Hoffnung setzen. Fangen wir heute an, wenn wir nicht sogar schon begonnen haben.
Anja Schmidt
Gemeindeassistentin
