Liebe Schwestern und Brüder,
das Kreuz auf dem Bild steht in Jerusalem. Es war mir aufgefallen bei einem Besuch dort vor einiger Zeit. Es schien vergessen oder zufällig dort abgestellt worden zu sein. Das Kreuz steht auf dem Hof zwischen zwei kleinen Kirchengebäuden am Anfang der Via dolorosa: der Verurteilungskapelle und der Geißelungskapelle. Dort beginnt mit der ersten Station der Kreuzweg Jesu. Meine Frage war, warum dieses Kreuz dort steht. Die Antwort war, dass dieses Kreuz Pilgern zur Verfügung steht, die den Leidensweg Jesu durch Jerusalem nachgehen wollen, um so dem Herrn verbunden zu sein.
Auch wenn wir jetzt nicht den Weg durch Jerusalem gehen können, so ist es doch möglich, durch die Betrachtung der Leidensgeschichte in der Bibel, durch das Mitfeiern der Karfreitagsliturgie über die elektronischen Medien oder das Beten der Kreuzwegandacht im Gotteslob Jesus nahe zu sein. Dazu lädt der Karfreitag ein.
Jesus hätte im Garten Getsemani bei der Gefangennahme den Vater im Himmel um Hilfe bitten können, aber er hat es nicht getan. Der Botschaft der Liebe und des Friedens ist er treu geblieben. Und das hat ihn das Leben gekostet. Der Kelch des Leidens ging nicht an ihm vorüber. Er hat ihn freiwillig getrunken. Soll ich den Kelch nicht trinken, den der Vater reicht? Mit diesen Worten weist Jeus seinen Begleiter zurecht, als er mit dem Schwert kämpfen wollte, damit Jesus nicht ausgeliefert wird. Der Kelch, der am Gründonnerstag mit Wein gefüllt war, ist nun ein anderer Kelch: der mit Essig, der mit Leid bis an den höchsten Rand gefüllte Kelch. Aus beiden Kelchen hat Jesus getrunken. Beide gehören zusammen. Den einen gibt es nicht ohne den anderen. Jesus lädt uns ein, ihn auf seinem Weg zu folgen, an beiden Kelchen Anteil zu haben und damit Gemeinschaft mit ihm zu haben.
Der Karfreitag und auch der Karsamstag sind geprägt durch das Kreuz und durch die Stille. Stille aus Achtung vor dem Leiden, das Jesus am Kreuz auf sich genommen hat. Die Stille wird an einer Stelle durchbrochen: Durch den Schrei Jesu am Kreuz: Eli, Eli, lema sabachtani! übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! Dieser Aufschrei des Gekreuzigten darf nicht überhört werden! Mir ist das manchmal zu einfach, wenn gesagt wird, dass die Worte Jesu am Kreuz das Beten eines Psalms waren. Die Worte können es sein, aber wir hören in der Passion: Er schrie laut. Es ist ein Schrei der Einsamkeit, der Ohnmacht und der Schmerzen.
Dieser Schrei ist auch nach Ostern nicht einfach weg. Der Schrei des Gekreuzigten Herrn ist durch alle Jahrhunderte der Geschichte bis in die heutige Zeit zu hören in den vielen Kriegen, die es auch heute gibt. Der Schrei ist zu hören, wenn Menschen verfolgt und misshandelt werden oder verhungern. Jesu Schrei ist zu hören in den Rufen nach Gerechtigkeit der Menschen, die durch Kleriker unserer Kirche missbraucht wurden. Der Schrei des sterbenden Jesus ist zu hören auf den Intensivstationen der Krankenhäuser, wenn Menschen an der Infektion durch das Coronavirus sterben.
Sorgen wir dafür, dass dieser Schrei heute wahrgenommen wird.
Wir würden es uns zu leicht machen, wenn wir uns am Karfreitag zu schnell in den sicheren Hafen des Ostersonntags retten - Ende gut, alles gut. Aber so ist es nicht! Das Leben im Glauben und in der Nachfolge auf dem Weg, den Jesus gegangen ist, ist kein Spaziergang.
Der Karfreitag bleibt - auch nach Ostern.
Bleibt in der Nähe des Herrn geborgen!
Ihr und Euer Diakon
Benno Bolze
