Bleibet und wachet – mit mir
In unserem Esszimmer steht ein wunderschöner Holztisch. Er ist schlicht und doch strahlt er für mich eine besondere Schönheit aus. Er steht inmitten des Raumes und an ihm findet unser Familienleben statt. Wir essen hier gemeinsam, wir quatschen hier, wir lachen gemeinsam, wir erzählen uns von unseren Sorgen, wir spielen und lernen an diesem Tisch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sei, wenn er dort nicht stehen würde. Oder wenn ich dort zum letzten Ma(h)l mit meiner Familie oder Freunden sitzen würde. Wäre ich traurig? Wäre ich ängstlich? Wie wäre mein Gefühl?
Ich lese das Evangelium des letzten Abendmahles nicht nur an Gründonnerstag, sondern auch dann, wenn ich ängstlich bin. Ich denke an Jesus und frage mich, wie er sich wohl bei diesem letzten Ma(h)l gefühlt haben muss. Das letzte Ma(h)l mit seinen Freunden zusammen und doch schon mit der Gewissheit, dass einer unter ihnen nicht mehr sein Freund ist und andere ihn später nicht mehr als Freund akzeptieren werden. Ist er da ganz Mensch und macht ihn das traurig? Hofft er insgeheim, dass es nicht das letzte Ma(h)l sein wird? Nein, er ist dann ganz sein Vater – er feiert mit allen und er schenkt allen, auch uns, das Sakrament der Eucharistie und lässt somit jede Eucharistiefeier zu einem kleinen Ostern werden. Er mahnt uns, die Feiern zu seinem Gedächtnis zu halten und stiftet uns so seine bleibende Gegenwart und einen neuen Bund mit Gott. Ein großartiges selbstloses Geschenk.
Und als wäre das Eucharistiegeschenk nicht schon groß genug, zeigt er in der Fußwaschung der Jünger, die gern auch als „Liebestat des Herrn“ bezeichnet wird, die unbedingte Dienstbereitschaft am Nächsten und mahnt uns zur gegenseitigen dienenden Liebe. Ein Geschenk, welches in diesen Tagen wichtiger ist denn je. Ohne Liebe kein Miteinander und ohne dienende Liebe kein christliches Miteinander. Wir dienen nicht uns selbst, sondern ihm. Wenn wir in der jetzigen Situation beweisen können, dass unser Tisch immer noch einen Platz mehr hat, um Menschen aufzunehmen, dann zeigt sich in uns Christus. Dann erfüllen wir seinen Auftrag und füllen sein Geschenk an uns mit Leben.
Beides ist für mich kein Grund traurig zu sein, sondern ein Grund Hoffnung zu haben, wo zunächst keine Hoffnung scheint. Traurig macht mich die Tatsache, dass es die Jünger nicht schaffen, mit ihm im Garten zu wachen und zu beten. Ich kann es auch nicht. Ich kann nie ganz dieses großes Geheimnis entschlüsseln und bin mir dessen Tragweite nicht bewusst. Bei jedem Lesen entdecke ich Neues und ich möchte Jesus beistehen und mit ihm beten und wachen. Doch es fällt mir wie den Jüngern schwer. Warum? Warum ist es mir nicht möglich, ihm beizustehen, wenn er mich darum bittet, warum bin ich abgelenkt und warum werde ich müde? Es zieht sich durch den Alltag, immer wieder wird das „Wollen“ abgelöst von „nicht können“. Warum ist es mir für einen kurzen Moment nicht möglich, wenn er doch sein ganzes Leben für mich geopfert hat? Vielleicht ist das aber auch ein Schlüssel für mein christliches Leben in seinem Auftrag. Ich vermute nicht, dass er von mir verlangt auf Zwang einen Abend mit ihm zu sein, wenn ich es jeden Tag ein kleines bisschen kann. Wenn ich das Geschenk der dienenden Liebe umsetze und in jedem Menschen Jesus erkenne, stehe ich ihm dann nicht im Heute bei? In dieser für uns unbegreiflichen Zeit kann ich meinen Anteil leisten. Ich kann für die kranke Nachbarin einkaufen gehen, kann einen Brief an jemanden schreiben, der in diesen Tagen einsam ist, kann für andere beten und kann den Menschen danke sagen, die sich für uns dieser Tage aufopfern. Es gibt derer viele Möglichkeiten und ich bin mir sicher, dass wir als Gemeinde diese Liste ins Unermessliche ausdehnen können. Wir sind als Gemeinde mit ihm verbunden und in dem wir alle gemeinsam beten, wachen wir mit ihm und geben seinen Geschenken nicht nur heute eine Bedeutung.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, das wir heute am Beginn des Triduums, stärker als je zuvor verbunden sind und mit ihm bleiben und wachen können – jeder so wie es möglich ist.
Anja Schmidt
Gemeindeassistentin
