Hört doch mal rein!
Gerade in dieser Woche geht Salvator „online“ mit der „Psalmothek-Salvator“. Was ist das? Es entsteht bis Pfingsten eine Sammlung aller 150 Psalmen, gesprochen auf Audiodateien von 150 Gemeindemitgliedern unserer Gemeinde, gelesen in der Einheitsübersetzung von 2016. Diese Psalmen stammen zumeist aus dem 6. bis 3. Jahrhundert vor Christus. D.h. wir beschäftigen uns mit Gebeten, die mal locker 2300 Jahre alt sind. Ist das nicht beeindruckend? Ein bisschen kommt es mir so vor, als säße ich im verstaubten Winkel einer Bibliothek und blätterte in längst vergilbten Büchern. Verstehen können wir viele Verse nicht mehr, -klar,- denn unser Lebensumfeld und unser Glauben hat sich seit diesen zweieinhalbtausend Jahren natürlich gründlich verändert. Und doch sind diese Zeugnisse Bestandteil /Grundlage der Geschichte und des Glaubens aller Juden und Christen. Aus meiner Sicht vielleicht deshalb, weil sie Glaubenszeugnisse in allen Lebenslagen abgeben und Emotionen im Verhältnis des Glaubenden zu seinem Gott widerspiegeln: von Lob bis zur Demut, vom Preis der Schöpfung bis zum Hochmut, besser zu sein als alle anderen, vom Hadern bis hin zum Vorwurf und zum Anschreien des Gottes, der das Leid nicht verhindert und der den Beter scheinbar verlassen hat, ist alles dabei… und so müssen wir als Sprecher schon mal in eine unbequeme Rolle schlüpfen, weil die Wirklichkeit des Psalmisten der unseren so gar nicht entspricht. Spannend…
Um 1700, also vor NUR 320 Jahren, gab es eine Reform der Kirchenmusik. Zu dieser Zeit entsteht eine neue kleinere Gattung der Musik: Die Kantate. Diese neue Gattung der Musik sollte ein ausgedehntes, auf die Lesungen des Tages bezogenes Werk sein und den hauptsächlichen musikalischen Beitrag zum Gottesdienst bilden. So gibt es eine Psalmkantate von Georg Friedrich Händel, die ich für heute ausgesucht habe. In den heutigen Tageslesungen steht der 89. Psalm. Aus diesem nimmt G. F. Händel nur einen einzigen Vers und völlig ungeniert schreibt er quasi einen neuen Psalm, indem er andere Psalmverse frei und in eigener Reihenfolge hinzufügt:
Psalm 145,1 + Psalm 96,9+6+10 + Psalm 89,15 + Psalm 145,21 = „I will magnify thee, o God, my King“,
eine Psalmkantate von G.F. Händel, 1720 für die Royal Chapel in London geschrieben. Diese Psalmkantate hat 6 Sätze mit einem symmetrischen Aufbau: Andante-Larghetto-Allegro-Allegro-Larghetto-Andante! Solo, Duett oder Chor wechseln sich ab. Ein abwechslungsreiches Stück, das die Psalmverse verinnerlichen läßt:
Ps145,1 Ich will dich rühmen, mein Gott und König, und deinen Namen preisen immer und ewig;“
Ps96,9 In heiligem Schmuck werft euch nieder vor dem Herrn.
Ps96,6 Hoheit und Pracht sind vor seinem Angesicht, Macht und Glanz in seinem Heiligtum.
Ps96,10 Verkündet bei den Völkern: Der Herr ist König. Den Erdkreis hat er gegründet, so dass er nicht wankt.
Ps89,15 Recht und Gerechtigkeit sind die Stützen deines Thrones, Huld und Treue schreiten vor deinem Antlitz her.
Ps145,21 Mein Mund verkünde das Lob des Herrn. Alles, was lebt, preise seinen Namen immer und ewig.
Der Psalmist vor 2300 Jahren hätte wahrscheinlich mindestens gelächelt beim Singen, seine Augen hätten geleuchtet… das geht bei einer konzertanten Aufführung wie hier mit dem Tölzer Knabenchor in Wien 2011 leider oft verloren, aber stellen Sie sich/stellt Euch dieses gesungene Lächeln einfach vor und hört doch mal rein:
https://www.youtube.com/watch?v=K7NfysdiMqw
Bis nächste Woche Freitag Ihre und Eure
Sonja Schek, Kirchenmusikerin
