Wer hält Sie am äußersten Meer?
Zu meiner Firmung habe ich eine Einheitsübersetzung geschenkt bekommen. Darin waren zwei Verse eines Psalms rot markiert. Als ich sie las, kamen sie mir sehr vertraut vor. Ich brauchte auch nicht lang überlegen, woher ich sie kannte. Die Verse 9 und 10 des Psalms 139 bilden meinen Konfirmationsspruch.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ (Lutherbibel, Psalm 139, 9-10)
Ich gebe zu, ich mag in dem Fall die Lutherübersetzung mehr als die Einheitsübersetzung und Psalm 139 gehört sicherlich zu den bekanntesten Psalmen überhaupt. Etliche Postkarten und Kalenderblätter wurden damit bedruckt. Wenn man den Psalm als Ganzes liest, dann erscheint er etwas widersprüchlich. David erfreut sich zunächst über die Kostbarkeit der Gedanken Gottes und bittet ihn im Anschluss den Gottlosen zu töten. Das passt nicht. Es ist nicht bekannt, wann David den Psalm geschrieben hat, doch aufgrund der beschriebenen Wahrheiten über Gott, gehe ich von einem reifen Alter Davids aus. Er beschreibt zunächst die Allwissenheit, die Allgegenwärtigkeit, die Allmacht und die Heiligkeit Gottes. David geht es darum einen direkten Bezug zu seinem Leben herzustellen. Wenn Gott alles weiß, weiß er auch alles über mich. Wenn Gott überall ist, dann ist er auch bei mir. Wenn Gott allmächtig ist, dann hat er auch mich gemacht und mein Leben geplant. Die Heiligkeit Gottes wird dann auch immer mein Leben beeinflussen.
Schaue ich auf meinen Konfirmationsspruch, der mir exakt 20 Jahre später zu meiner Firmung wieder begegnet, sehe ich Gott – das ist logisch. Gott ist derjenige, der mich auch am Ende der Welt noch im Blick hat, der mich hält und nicht verwirft. Der nicht meine Telefonnummer aus seinem Telefonbuch streicht, nur weil ich ihn schon lange nicht mehr angerufen habe. Ich bin Teil seiner Schöpfung und damit ist er mit mir konfrontiert – aber viel mehr noch: ich mit ihm! Da gibt es kein Entkommen und ich darf und kann mich auf die führende Hand Gottes in meinem Leben verlassen. Das ist die eine und vor allen Dingen die klare Seite der Medaille, die mich dieser Psalm gelehrt hat. Das gilt für jeden Christen, ja auch in diesen Zeiten für jeden Menschen gleich!
Meine Frage an den Psalm ist die nach der Bedeutung für meine ganz persönliche Lebensgeschichte. Auch da brauche ich nicht lange zu überlegen. Es gibt Menschen in meinem Leben, die mit mir meine Wege gehen und mich auf der einen Seite begleiten, aber auch führen. Manchmal ganz unbewusst, manchmal sehr bewusst. Neben meiner Familie sind das Freunde, die mich eben genau da – am äußersten Meer – eingesammelt haben und mich an die Hand genommen haben. Meine beste Freundin Anja (ja, sie heißt so wie ich) ist so ein Mensch. Ich danke Gott sehr oft, dass er sie in mein Leben gestellt hat. Dass ich ihr vertraue und nicht hinterfrage. Dass sie mir Halt gibt und mich ermutigt, wo ich aufgeben möchte. Dass sie da ist, wenn ich glaube, dass Gott gerade nicht für mich da ist. Dann ist sie diejenige, die mich auf ihre Weise an den Inhalt der Verse 9 und 10 des Psalms 139 erinnert. Ich habe bereits so oft erfahren, dass Gott da ist – immer! Sein Da-Sein bedeutet für mich Schutz, Sicherheit und Bewahrung. Es gibt für mich keinen Ort, an dem Gott nicht schon vor mir war, bevor ich überhaupt ankam und er mit mir da ist. So hat er auch jene Freundin für mich ausgesucht und unsere Wege kreuzen lassen.
Ich wünsche Ihnen allen eine Anja in Ihrem Leben und einen festen Glauben, dass Gott Sie im Blick hat und Ihnen eine führende, tröstende, liebevolle und haltende Hand bietet.
Anja Schmidt
Gemeindeassistentin
