Impuls

Tagesimpuls 19.05.2020

Wer singt, betet doppelt!

 

Es ist kein Geheimnis – ich liebe Musik. Ich fange an zu tanzen wenn das Radio meine Lieblingslieder spielt, ich singe lautstark mit, wenn Max Giesinger „Nicht so schnell“ aus meinem Kopf verschwindet und ich eine von „80 Millionen“ bin, ich komme ins Schwärmen, wenn die Jonas Brothers mit ihrer Musik die Mädchen reihenweise um ihre Finger wickeln, ich werde ganz ruhig, wenn Reinhard Mey mir liedhaft von seinen Kindern und seinen Alltagsproblemen singt, ich ziehe meine Cowboystiefel an und bin „Castaway“, wenn die Zac Brown Band durch meine Lautsprecher dröhnt und ich träume mich zurück in meine Jugend, wenn ich die Gesänge aus Taizé höre.

 

Und ich bekomme Gänsehaut, wenn unsere Sonja Schek im Gottesdienst von der Orgelempore Lieder singt, die mich zu meiner Taufe, Hochzeit, Erstkommunion und Firmung begleitet haben. Dann bin ich ganz auf die Schönheit des Liedes fixiert und genieße jede Note. Es ist wie ein Gebet für mich, es stärkt mich, es erhellt mir den Tag, ich kann alles um mich herum vergessen und bin dankbar.

 

„Wer singt, betet doppelt.“ Dieser Satz wird schon dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben. Auch Luther soll ihn geäußert haben und noch weiter gegangen sein: „So sie's nicht singen, glauben sie's nicht!“ Ich bin fest davon überzeugt, das Singen etwas mit meinem Glauben zu tun hat. Singen verändert mich – in Gedanken, Worten und in der Tiefe meines Glaubens. Manchmal bringen die Lieder meinen Glauben auf den Punkt. Das was für mich unergründlich erscheint, sagt ein Lied. Singen kann ich nicht auf Distanz. Das was ich singe, macht etwas mit mir und ich lebe, was ich singe. Es ist wie beim Beten. Auch das Gebet verändert mich und ich spreche mit Gott, weil mich etwas in meinem Leben bewegt, etwas, was ich lebe. Da gibt es für mich keinen Unterschied. Ich kann nur das wahrhaft beten, was ich lebe. Ich kann nur das wahrhaft singen, was ich lebe. Ich bete und singe zum Lob des Herrn, aber in der Feinheit der Musik und in der Betonung der Liedverse findet sich der kleine Unterschied, der unter die Haut geht. Der so geschaffene emotionale Zugang öffnet mir eine neue Erfahrung des Glaubens. Das habe ich als Jugendliche das erste Mal so richtig in Taizé gespürt. Ich war 13 Jahre alt und stand kurz vor meiner Taufe als ich zu den Brüdern in die Communauté fuhr. Ich kann mich noch ganz genau an die ersten Töne von „Jesu le Christ“ erinnern. Ich musste weinen und als Teenager war mir das durchaus peinlich. Die folgenden Tage verbrachte ich nach der gemeinsamen Arbeit immer in der Kapelle und hörte den wiederkehrenden Lieder zu. Es war meine erste lebendige Begegnung mit Gott. Ich habe mich Zuhause gefühlt. Ich war geborgen in der Musik und in Gottes Armen. Ich fuhr noch viele Jahre immer wieder an den Ort zurück, an dem ich Gott begegnet bin, nur um dieses Gefühl noch einmal zu erfahren.

 

Singen ist das Versinken in Gott und es ist gleichzeitig Verkündigung. Ich vermisse das Singen im Gottesdienst mit Ihnen allen zusammen. Ich bin gleichzeitig so dankbar, dass Sonja Schek meine musikalische Sehnsucht nach Heimat derzeit stillt. Natürlich habe ich auch ein Lieblingslied: Geh unter der Gnade. Es begleitet mich durch meine Ausbildung und ich hatte mit diesem Lied so einen Taizémoment als ich am Strand von Zinnowitz saß und zusammen mit meinen Freunden dieses Lied singen durfte.

 

Welches ist Ihr Lieblinglied? Welches Lied lässt Sie nicht los und schenkt Ihnen Heimat? Ich freue mich auf den Tag, wenn wir wieder alle gemeinsam unsere Lieblingslieder singen können. Bis dahin halte ich es wie Luther: „Die Stimme ist die Seele des Wortes.“

 

Bleiben Sie in seiner Gnade, gehen Sie mit Gottes Segen, gehen Sie mit seinem Frieden, was auch immer Sie tun!

 

P.S. An unserer bunten Osterhecke hängt ein Ei mit genau diesem Liedtext, suchen Sie es doch nochmal zwischen den grünen Blättern...

 

Ihre Anja Schmidt

Gemeindeassistentin