Impuls

Wort zum Freitag 17.07.2020

Unterwegs sein – aber nicht allein

 

Wenn Sie diesen Impuls lesen, packe ich gerade meinen Koffer. Ich fahre mit meiner Familie in den Urlaub. Wir sind unterwegs. Gerne verrate ich Ihnen unser diesjähriges Ziel, das ganz anders ausgefallen ist, als wir es im Januar geplant hatten. Eigentlich wollten wir vier Wochen durch die Wildnis von Maple Falls im Bundesstaat Washington wandern und Unbekanntes entdecken. Nun verschlägt es uns in die Wildnis der Sächsischen Schweiz. Ich freue mich darauf. Denn es ist die Gegend, in der ich meine Jugend verbracht habe. Ich habe in Bautzen und Görlitz meine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht und an den Wochenenden war ich oft mit Freunden in der Sächsischen Schweiz wandern und entdecken. Jetzt fahre ich dorthin zurück. Wir sind unterwegs.

Unterwegssein ist eine Grundform menschlichen Lebens. Das Unterwegssein ist dem Menschen wesentlich. Unsere Wurzeln sind nicht fest an einem Platz wie bei einem Baum. Wir sind an keinen festen Standort gebunden, sondern sind auf dem Weg. Wir können uns Ziele setzen und uns auf sie zu bewegen, wir können aber auch ziellos los laufen und sehen, wohin uns unsere Füße tragen. Wir können uns auf den Weg einlassen, dabei das Ziel gar nicht vor Augen haben und spüren, was der Weg mit uns macht. Was die Umgebung mit uns macht, wer uns begleitet und welche Gedanken uns treiben. Ziele können sich ständig verändern, wenn wir offen dafür sind, was auf uns zukommt und was sich innerlich in uns ereignet. Das Ziel zu etwas, das wir uns nicht mehr selber festsetzen, sondern etwas, das sich uns, oft auch  überraschend,  erschließt.  Das Ziel  kommt uns sozusagen entgegen. Viele,  gerade  auch  die  wichtigsten  Fragen  des  menschlichen  Lebens  lassen sich nicht nur durch zielorientiertes Denken und Handeln lösen. Im  Gegenteil,  es  ist  oft  hilfreicher, sich gerade in der Bewegung aus dem Alltag heraus von  Zielvorstellungen zu lösen. In der Offenheit des Unterwegsseins  gehen  einem  dann  eher die Antworten auf ungeklärte Fragen auf:  sie  kommen  einem  entgegen,  wie ein Geschenk. So können wir auch unsere Beziehung zu Gott sehen. Ein spirituell geprägtes Leben ist ein Leben in Bewegung, im übertragenen Sinn. Wir bewegen uns von einer Lebensstation zur nächsten im Vertrauen, dass Gott uns führt. Bei allen notwendigen  Anstrengungen,  die  wir bei unserem Unterwegssein selbst leisten müssen, leben wir aus dem Bewusstsein heraus, dass uns letztendlich alles, aus dem heraus wir leben, von Gott geschenkt ist. Wir müssen uns sich nur auf den Weg machen, damit sich uns dieses, unser Leben als Geschenk offenbart.

Aus meiner Zeit bei der Jungen Gemeinde habe ich eine Meditation mitgenommen, die ich heute auch noch vollziehe, bevor ich los laufe:

I

Geh deinen Weg
wie ich den meinen
suche zu dem Ziel
Mensch zu werden

II

unterwegs begegnen wir
der Wahrheit
der Freiheit
und uns selbst

III

unterwegs wächst
und reift eine Weggemeinschaft
die uns befähigt anderen
Rastplatz zu sein und Wegweiser

IV

du und ich
gehen
den Weg.

 

 

Der Autor ist unbekannt, so steht es auf dem Zettel, den ich damals in mein Gesangbuch gelegt habe. Es ist für mich ein kleines Ritual geworden, erst loszulaufen, wenn ich den verknitterten Zettel gelesen habe. So werde ich ihn auch in die Sächsische Schweiz mitnehmen und hoffen IHM auf meinen Wegen zu begegnen. Auf dem Weg und in den Menschen, die mir begegnen. In meinen Gedanken gehen Sie sicher auch ein Stück mit.

So segne uns der gütige Gott auf unseren Wegen, in unseren Begegnungen, am Wegesrand, auf langer Reise, im Unbekannten und da wohin uns unsere Wege führen werden.

 

Ihre Anja Schmidt

Gemeindeassistentin