Impuls

Wort zum Freitag 11.09.2020

Bild: Walter Wetzler

J. w. d., aber …

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Kreuz, eine Kerze und im Hintergrund ein Tabernakel, das ist für ein Bild zu einem Tagesimpuls an einem Freitag nicht ungewöhnlich. Das Bild gibt einen Einblick in die St. Joseph-Kapelle, die am 30.08.2020 eingeweiht wurde. Damit wird das Bild schon interessanter, denn in einer Zeit, in der Kirchen eher geschlossen werden, ist die Einweihung einer Kapelle doch etwas Besonderes. Die neue Kapelle steht nicht in Berlin. Sie steht in Löcknitz. Der Ort ist rund 200 km von Lichtenrade entfernt und liegt im Norden unseres Bistums in der Nähe der polnischen Grenze. Der Berliner würde sagen: j. w. d. Und es ist wirklich j. w. d, aber dennoch mitten im Leben.

 

Die Kapelle auf dem Bild ist klein. Mit sechs Besucher*innen ist sie überfüllt. Sie ist Teil des Begegnungszentrums „mia“, das wesentlich größer ist als die Kapelle und damit wird das Bild des Tagesimpulses noch interessanter. Das Begegnungszentrum wurde in einem Haus eingerichtet, das früher ein Gasthaus war. Die Abkürzung „mia“steht für: miteinander in aktion - in Aktion innerhalb der Gemeinde, aber viel mehr noch in Aktion mit allen Menschen, die dort leben und bisher nicht oder kaum Verbindung zur Kirche hatten. Aber um die Verbindung zur Kirche geht es gar nicht so sehr. Das Begegnungszentrum ist offen für alle gesellschaftlichen Aktivitäten. Angeboten werden Projekttage für Kitas und Schulen, musikalische Begleitung von Kindern und Jugendlichen (u.a. musikalische Früherziehung), Ausstellungen, Workshops und Lesungen. Weiterhin wird durch eine dort angestellte Sozialpädagogin Sozialberatung angeboten und Menschen, die aus Polen in die Region gezogen sind, können bei Behördengängen unterstützt werden. Solidarität, Austausch und Toleranz stehen an erster Stelle - unabhängig von einer Zugehörigkeit zur Kirche. Jede und jeder ist in dieses offene Haus der Begegnung eingeladen.

 

Der Generalvikar des Erzbistums, Pater Manfred, hat die Kapelle gesegnet und sie ihrer Bestimmung übergeben. Zu diesem Gottesdienst waren Vertreter*innen des Bistums, der Caritas, des Pastoralen Raumes und vor allem der Politik eingeladen: der Bürgermeister, Vertreter*innen des Landkreises und der Landesregierung. Und sie waren da. Im Rahmen des Festaktes, der nach dem Gottesdienst stattfand, betonten die Vertretr*innen der Politik, wie wichtig dieses Begegnungszentrum in Löcknitz und für die Region ist. Die protokollarischen Bezeichnungen waren in den Ansprachen nicht immer korrekt. So wurde das Erzbistum als Erzbischoftum bezeichnet und der Generalvikar wurde nur mit Herr Vikar angeredet. Dies fand ich sympathisch, denn es geht nicht um perfekte Amtsbezeichnungen, sondern um die ehrliche Zusage zu einer engen Zusammenarbeit und die Freue darüber, dass Kirche in der Region auf diese Weise präsent ist und Verantwortung für das Miteinander übernimmt. Dies wurde in den Ansprachen der politisch Verantwortlichen sehr deutlich.

 

Nach dem Festakt gab es Kaffee und Kuchen. Dazu kamen Nachbarn und alle, die das neue Gasthaus bzw. das Begegnungszentrum besuchen wollten. Der Tag endete mit der Eucharistiefeier im dafür hergerichteten Saal des Zentrums.

Für die Verantwortlichen des Projekts war es nicht das Ziel, in Löcknitz eine neue, große Kirche zu bauen. Sie sind der Frage nachgegangen, was brauchen die Menschen in Löcknitz, wie können wir als Kirche dazu beitragen, dass das Miteinander der Menschen gelingen kann?

 

„mia“ ist ein interessantes Projekt. Als Pilotprojekt kann man es nicht bezeichnen, denn ein Pilotprojekt wird nach der Startphase in gleicher Weise an anderen Orten meistens auch so oder so ähnlich umgesetzt. Das wird mit „mia“ nicht gehen, denn das Projekt ist aus der konkreten Situation vor Ort entstanden. Ich würde mir aber wünschen, dass das Projekt dennoch eine Signalwirkung hat, dass an anderen Orten auch häufiger erstmal unabhängig von Kirche gefragt wird, was die Menschen brauchen.

Sicher bewegt der Heilige Geist dann auch zu neuen, anderen Ideen und Projekten – auch hier in Lichtenrade, also nicht j. w. d., sondern j. n. d.: janz nah dran. 

 

 

 

Bleibt unter dem Schutz des lebendigen Gottes geborgen!

 

Ihr und Euer Diakon

Benno Bolze