Impuls

Wort zum Freitag 05.02.2021

 „Nichts im Vergleich zu dem, was ich bei der Feier der Eucharistie erlebt habe.“ Thomas von Aquin

                       

Liebe Schwestern und Brüder,

vor wenigen Tagen haben wir das Fest des Heiligen Thomas von Aquin gefeiert. Um das Jahr 1225 wurde er geboren. Es ist die Zeit der Kreuzzüge, die Zeit der Pest, der Ketzerbewegungen. Es ist die Zeit des Minnegesanges und der gotischen Kathedralen. Es ist die Zeit der Macht- und Prunkentfaltung der katholischen Kirche. Deshalb war in der Kirche eine Rückbesinnung auf eine einfache Lebensweise notwendig, so wie Jesus sie vorgelebt hatte.

Mitten hinein in diese Zeit wird Thomas geboren. Schon mit fünf Jahren kommt er zur Erziehung in das in der Nähe gelegene Benediktinerkloster Monte Cassino. 1244 begegnete er zum ersten Mal dem Dominikanerorden. Die intellektuelle Ausrichtung des Ordens hatte es ihm angetan. Thomas muss eine imposante Erscheinung gewesen sein. Man sagt, dass er so dick war, dass man an dem Tisch, an dem er saß, eine kreisförmige Aussägung vornehmen musste, damit man seinen Bauch unterbringen konnte. Aber nicht so sehr in dieser Hinsicht war er eine eindrucksvolle Erscheinung, sondern vielmehr als Theologe. Unbeirrt und stetig war er bei der Arbeit. Seine Werke hat er diktiert, zum Teil mehreren Sekretären parallel und natürlich verschiedene Werke und natürlich in lateinischer Sprache. Man hat es ausgerechnet: jeden Tag seines theologischen Wirkens hat er ungefähr 12 Seiten geschrieben oder diktiert, also ein Arbeitstier, wie man so sagt.

1273 soll Thomas Mitten in der Eucharistiefeier innegehalten und gesagt haben: Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich eben gesehen habe und was mir offenbart worden ist.

Das, was Thomas im Leben geschrieben und verstanden hatte, schien ihm in diesem Moment so klein, so unbedeutend zu sein im Vergleich zu dem, was er in einem Moment der Gottesbegegnung bei der Feier der Eucharistie erlebt hatte. Danach soll er nichts bzw. nur noch sehr wenig geschrieben haben.

 

Thomas von Aquin wird als strenger Vertreter der reinen Glaubenslehre gesehen. Das trifft sicher in manchen Teilen auch zu. Aber ihn nur in diesem Licht zu sehen, wäre einseitig, denn er begegnet uns auch als christlicher Denker, der die Vielfalt des Lebens kennt und der der Entscheidung des Gewissens große Bedeutung zumisst. Papst Franziskus führt in seinem Schreiben "Amoris laetitia" die Aussagen des Heiligen Thomas von Aquin als einen wichtigen Baustein in der Begründung für eine differenzierte Gestaltung des Sakramentenempfangs wiederverheirateter Geschiedener an. Dort heißt es: Es ist wahr, dass die allgemeinen Normen ein Gut darstellen, das man niemals außer Acht lassen oder vernachlässigen darf. Doch in ihren Formulierungen können sie unmöglich alle Sondersituationen umfassen. Zugleich muss gesagt werden, dass genau aus diesem Grund das, was Teil einer praktischen Unterscheidung in einer Sondersituation ist, nicht in den Rang einer Norm erhoben werden kann.

Der Heilige Thomas von Aquin sagt uns heute: Lasst die Normen nicht außer acht, aber wisst auch, dass sie das Spezifische nicht in jedem Fall abbilden können.

Thomas war ein Lehrer der Theologie. Er hat die Welt, in der er lebte, im Licht der Offenbarung Gottes gesehen. Die Fragen seiner Zeit hat er versucht zu beantworten im Blick auf die Heilige Schrift. An unzähligen Stellen seiner Bücher zitiert er aus der Bibel. Auch hier ist Thomas heute wegweisend. Auch wir sind heute aufgefordert, uns als Christen den Fragen der Zeit zu stellen, sie zu deuten im Licht der Offenbarung Gottes. Wie damals bei Thomas leben wir in einer Zeit der Herausforderungen vor allem durch die Corona-Pandemie aber auch durch Krieg, Leid, Unterdrückung und Not in anderen Ländern, die ja nicht dadurch weg sind, dass in den Nachrichten kaum noch Platz dafür ist, weil die Pandemie Vorrang hat.

Hier sind wir gefordert, nach Antworten zu suchen im Licht des Evangeliums. Der größte unter Euch soll der Diener aller sein, so steht es im Evangelium. Mit dieser Botschaft im Herzen und mit offenen Armen auf den Menschen zugehen, der Hilfe braucht: so wird aus dem Evangelium – der guten Nachricht – das gute Handeln im Geist des Herrn. Legen wir dabei nicht die Hand an den Pflug und schauen zurück, sondern schauen wir nach vorn und gehen wir den Menschen und damit unserem Herrn Jesus Christus entgegen.

Diese Fähigkeit wünsche ich uns und auch die Erfahrung, die der Heilige Thomas von Aquin bei der Feier der Eucharistie gemacht hat: Gott ist da, er ist gegenwärtig in dieser Welt! 

Ihr und Eurer Diakon
Benno Bolze