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Tagesimpuls 27.03.2020

Bild: Sonja Schek, Ausschnitt des Orgelspieltischs der Seifert Orgel in Salvator-Lichtenrade

„Hört doch mal rein“

In der Fastenzeit suchen wir nach Besinnung, nach einer Kurskorrektur. Wir hinterfragen unser Verhalten im Konsum, verzichten vielleicht auf Dinge oder Verhaltensweisen, um nach diesen 7 Wochen als entlasteter Mensch froh ein Fest feiern zu können – Ostern - Auferstehung - …und auch um danach den Alltag wieder besser bewältigen zu können.

Wir sehen an, was uns belastet und beschäftigen uns mit der Vergänglichkeit und mit dem Leiden und Sterben von Jesus Christus -  nicht als Selbstzweck, sondern damit es mir in meinen Lebenssituationen im Jetzt und Heute Antworten gibt, auf Fragen, die mich umtreiben.

In dieser Woche habe ich über Whats app einen Text geschickt bekommen - über die Arbeit eines italienischen Arztes, der von seiner großen Not und persönlichen Verzweiflung im Krankenhaus berichtet. Von dem unmenschlichen Aussortieren von Hilfesuchenden nach „der wird behandelt“ und „der soll Zuhause sterben“, weil überall Hilfsmittel fehlen. Er hat Trost gefunden bei den Worten eines Priesters, der krank aufgenommen wurde und in seiner letzten Zeit dort im Krankenhaus Menschen Zuspruch gespendet hat, Patienten wie Ärzten. Ich war tief erschüttert. Und angesichts des Leids in den Zentren der Corona-Epidemie suchte ich nach musikalischem Zuspruch – dies führte mich zum Dt. Requiem von Johannes Brahms.

Heute habe ich daraus den 5. Satz „Ich will euch trösten“ ausgesucht:

„Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen“ -  „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ -  „Sehet mich an: ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost funden“ - „ich will euch trösten“… (nach 45 Minuten des Wartens muss die Sopranistin quasi uneingesungen in ihre hohe Partie einsteigen. Eine hohe Schwierigkeit!)

Heute also ein Hörbeispiel aus der Oratorienmusik des 19. Jahrhunderts. Halt! Nicht wegschalten! Vielleicht gefällt Ihnen der künstliche/künstlerische Gesang nicht unbedingt. ABER : Hört doch mal rein… Das Deutsche Requiem von Johannes Brahms ist wie die Passionen von Johann Sebastian Bach ein fester Bestandteil meiner Fastenzeit jedes Jahr. Ich höre die biblischen Texte und spüre die Musik, die diesen Texten eine Tiefe verleiht, - eine weitere Dimension. Und während ich beim reinen Lesen die Wahl habe, welche Emotion dabei in mir entsteht, nimmt mich ein jeder Komponist mit in SEINE Emotion bei diesen Worten. Vielleicht ja auch Sie?!

https://www.youtube.com/watch?v=oK84LMn2rzI

Noch ein paar vertiefende Worte: Im Jahr 1869 wurde das Deutsche Requiem erstmals komplett aufgeführt im Leipziger Gewandhaus und wurde von da an bis heute überaus oft in den Konzertsälen gespielt. Weil es berührt! Clara Schumann schreibt nach dem Lesen der Partitur in einem Brief an J. Brahms: „…es ist ein ganz gewaltiges Stück, ergreift den Menschen in einer Weise wie wenig anderes. Der tiefe Ernst, vereint mit dem Zauber der Poesie, wirkt wunderbar, erschütternd und besänftigend.“ Brahms sucht mit seiner ganz persönlichen Zusammenstellung biblischer Texte zu einem Requiem in deutscher Sprache Trost für die Hinterbliebenen. Es handelt sich also nicht um den liturgischen Text der katholischen Totenmesse, sondern um Textfragmente aus Altem und Neuem Testament zum Trost derer, die „da Leid tragen“. Die biblischen Zitate sind nachzulesen in einer sehr guten Tabelle bei Wikipedia.org.  https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_deutsches_Requiem)

Passen Sie auf sich auf und seien Sie behütet!

Ihre Sonja Schek,
Kirchenmusikerin

 

 

P.S.:
 

Herzliche Einladung zur "etwas anderen" Kreuzwegbetrachtung "Glaube-Liebe-Hoffnung" hier auf dieser Seite am kommenden Sonntag, 29.03.20 und dann bis nächsten Freitag hier beim Tagesimpuls.


Ihre und Eure Sonja Schek
Kirchenmusikerin