Hineingeschaut

Hineingeschaut - Pfr. Johannes Dröder

Pfarrer Dröder am 25. Juli 1949 auf dem Weg zur Salvatorkirche - Foto: Chronik Katholische Kirchengemeinde Salvator - Lichtenrade

Am 25. Juli 1949 konnte Pfarrer Johannes Dröder sein goldenes Priesterjubiläum feiern:

Die Gemeinde holte den Jubilar in einer feierlichen Prozession von seiner Wohnung ab und führte ihn in die prächtig geschmückte Kirche.

schrieb Ursula Pilar in der Chronik der Salvator-Gemeinde.

Wer war dieser Pfarrer, was hatte er mit Lichtenrade zu tun, dass ihn die Gemeinde so ehrte? Pater Friedrich Simon (1888 – 1976) von den Hiltruper Missionaren, der von 1945 bis 1956 in Salvator in der Seelsorge aushalf, Pfarrer Bernhard Kuckelmann (1899 – 1960), Blankenfelde, und der damalige Domprobst, Alois Piossek (1889 – 1953, 1932 bis zur Auflösung 1941 Regens des ersten Priesterseminars in Berlin, Freund und Nachfolger von Domprobst Lichtenberg) begleiteten mit Pfarrer Lütkehaus den Jubilar.

Pfarrer Dröder wurde am 14. Oktober 1874 in Spandau geboren, kehrte aber bald mit seinen Eltern in deren Heimatstadt Heiligenstadt zurück, wo sein Vater als Stadtsekretär arbeitete. Er hatte zwei Brüder und zwei Schwestern. Seine Mutter starb, als er 13 Jahre alt war. Nach dem Besuch des Gymnasiums trat er 1894 bei den Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria im Missionskolleg in Valkenburg (NL) ein. Zum Studium ging er nach Ottawa (Kanada) und wurde dort promoviert. Inwieweit die Studienplatzwahl durch ein vermögendes Elternhaus ermöglicht wurde, wie in der Literatur vermutet wird (Peter Trotier „Der Märker“ Jg. 48 (1999) S. 75), oder mit dem Orden zusammenhing, der sehr lange dort schon tätig war, ist ungeklärt. Dröder war von Kanada so fasziniert, dass er Reiseskizzen dazu veröffentlichte (Von Kanada zur deutschen Heimat, Dülmen, Laumann’sche Jugendbibliothek Lfg 23). Seine Ordensstudien schloss er in Hünfeld ab und wurde am 25. 7. 1899 in Fulda zum Priester geweiht. Ab 1900 wirkte er als Volksmissionar und war ein gefragter Prediger. Seine Vorträge zu Fastenexerzitien im Kölner Dom wurden 1906 veröffentlicht. Überhaupt schrieb er in diesem Zeitraum viel. Eine Biographie der Gründerin der „Schwestern der christlichen Schulen von der Barmherzigkeit“ (Heiligenstädter Schulschwestern), Maria Magdalena (Julie) Postel (1909), hat überdauert. Er schrieb sie nach der französischen zweibändigen Ausgabe von Arsène Legoux, Apostolischer Protonotar bei der Seligsprechung (1906, gekürzt 1908, veröffentlicht). Dröder übernahm nur weniges wörtlich, er fasste zusammen, benutzte die originalen Quellen und fügte ein Kapitel über die Konvente in Deutschland und Holland an. Seine Verbindungen zum Orden waren eng: seine Schwester Maria (1873 – 1917) war im November 1901 dort eingetreten. 

Johannes Dröder meldete sich mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig zum Militär und kam als Feldgeistlicher an die Westfront. Von März 1916 bis März 1919 war er Divisionspfarrer in Wolkowysk, zuletzt einziger katholischer Feldgeistlicher der „Schutztruppe Bug“, Sitz: Brest-Litowsk. Aus dem Krieg zurückgekehrt, trat er aus dem Orden aus und wurde Weltpfarrer im Bistum Paderborn, zu dem Heiligenstadt damals gehörte. Kaplanstellen in Hamm und Hagen führten ihn 1923 nach Letmathe (heute zu Iserlohn gehörig). Er war in den „Jungdeutschen Orden“ eingetreten und in Letmathe Großmeister. Politisch stand er der Zentrumspartei nahe und gehörte dem deutschen Offiziersbund an. Ein wohlhabender Lebensstil führte ihn auf Reisen nach Lourdes, Rom oder Jerusalem, wovon er der Gemeinde lebhaft und interessant berichtete.

Nach Konflikten um den Jungdeutschen Orden trat er 1924 aus. 1928 erhielt er eine Pfarrstelle in Jützenbach, Eichsfeld. Dort geriet er 1935 mit den Nationalsozialisten in Konflikt. Er hatte Heiligenstädter Schulschwestern in den Ort rufen wollen, um einen Kindergarten zu leiten. Nachdem das auf den Widerstand der Behörden stieß, die darin ein Konkurrenzunternehmen zur nationalsozialistischen Erziehung sahen, wollte man ein Erholungsheim für kranke Ordensschwestern errichten, das am 8. 12. 1935 als Kloster „Maria am Berge“ eröffnet wurde. Am 16. 12. erschien jedoch Gestapo aus Erfurt und wies die drei Schwestern ohne Angabe von Gründen aus. Am 21. 12. erfolgte die Ausweisung von Pfarrer Dröder, ebenfalls ohne Angabe von Gründen. Seine protestierende Gemeinde wurde von SA-Leuten zurückgehalten. Das Aufenthaltsverbot galt für ganz Mitteldeutschland. Nach einem Monat im Hedwigskrankenhaus, zog er am 24. Januar 1936 als Gast ins Kinderkrankenhaus. Dort blieb er mit einer kurzen Unterbrechung – seine Eingaben gegen die Ausweisung machten eine Rückkehr nach Jützenbach vom 25. 4. bis zur erneuten Ausweisung am 29. 5. 1936 möglich – bis zum 15. April 1937. Er verzichtete auf seine Pfarrstelle und wurde in den Ruhestand versetzt.

Zusammen mit seiner Haushälterin aus Hagener Zeit und ihrem Mann bezog er danach eine Wohnung in der Kaiserstraße (= Kirchhainer Damm), nach 1940 ein von ihm erbautes Haus in der Wilhelmstraße 15 (= Briesingstr.).

Dort schrieb er die Chronik des Kinderkrankenhauses, die er am 16. Juli 1948, dem Namensfest der Ordens- Gründerin, der Oberin, Mutter Bernarda vom Kreuz Münstermann, zu ihrem silbernen Ordensjubiläum überreichte. Damit erwies er nicht nur dem Orden einen Dienst, sondern auch der Gemeinde: Auch sie hatte keine Chronik. Die Schwestern schrieben den Text später fort und so konnte die erste Chronistin unserer Gemeinde bei ihrer mühevollen Arbeit, die Chronik retrospektiv zu erstellen, darauf zurückgreifen.

Pfarrer Dröder half in der Seelsorgearbeit aus, predigte bei vielen Andachten, unterstützte bei Fronleichnamsprozessionen. Nach längerer Krankheit verstarb er am 6. Oktober 1956.

Bis zum nächsten „Hineingeschaut“,

Ihre/Eure Regina Mahlke, Chronistin