Hineingeschaut

Hineingeschaut - Die Heilige Cäcilia

Carlo Dolci, Die Heilige Cäcilia an der Orgel, Kopie: Adele Haase, ca. 1914 - Salvator-Kirche Berlin-Lichtenrade

„Möchte ich einst mit lautem Schalle / In des Tempels voller Halle / Ein erhabnes Gloria / Dir und allen Heil’gen weihen, / Tausend Christen zu erfreuen: / Heilige Cäcilia!“

lässt Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773-1799) im letzten Stück der Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796 anonym erschienen, hrsg. von Ludwig Tieck) seinen Protagonisten, Joseph Berglinger, ausrufen. Berglinger möchte sich ganz der Musik hingeben und fühlt sich zum Tonkünstler berufen, kann dieser Neigung aber aus familiären Gründen zunächst nicht nachgeben. Und so richtet er ein flehentliches Gebet an die Hl. Cäcilia, sie möge ihm helfen.

Heute, am 22. November, ist der Festtag dieser Heiligen, die als Schutzpatronin der Musik angesehen wird. Wie sie zu diesem Patronat kam, ist nicht ganz geklärt, wie überhaupt Quellen über ihr Leben nicht existieren. Zuerst gab es im 5. Jahrhundert in Rom eine Cäcilienkirche (im 8. Jahrhundert neu errichtet in Trastevere). Man nimmt an, eine reiche Patrizierin könnte diese Kirche gestiftet haben. Ab dem 6. Jahrhundert ist sie dann aber einer heiligen Cäcilia geweiht, deren Gedächtnis man seit 545 am 22. November feiert. Legenden berichteten nun von einer römischen Märtyrerin, die auf grausame Weise umgebracht wurde. Sie hatte sich ganz Gott geweiht und Keuschheit gelobt, ihrem Bräutigam Valerian das bei der Hochzeit eingestanden und auch ihn und seinen Bruder, sowie etliche Gefährten zum Christentum bekehrt. Sie alle kamen in Christenverfolgungen um. Im 8. Jahrhundert wurde ein Teil aus dieser Heiligenlegende in die Festtagsantiphon übernommen, der dann später wahrscheinlich bewirkt hat, dass Cäcilia Patronin der (Kirchen)Musik, Musiker und Instrumentenbauer wurde. Aus einer falschen Interpretation des „Cantantibus organis illa in corde suo soli Domino decantabat“, was eigentlich „während die Instrumente [zu ihrer Hochzeit] spielten, sang sie im Herzen nur dem Herrn“ bedeutet, machte man „Sie (Cäcilia) sang zur Orgel“.

Dennoch wurde von ihr z. B. noch bei Chaucer in den Canterbury Tales (um 1387) nur als Märtyrerin erzählt. Mit Musikinstrumenten wurde sie erst ab etwa 1400 dargestellt, anfangs aber waren die Instrumente nur Beiwerk. Man denke an Raffaels Verzückung der Heiligen Cäcilia (ca. 1415), wo die Heilige nur Sinn für die Musik der Engel zu haben scheint. Selbst spielend (Zither, Orgel, Cello, Harfe) finden wir sie sogar erst ab etwa 1510, wie überhaupt ihr Kult erst im 16. und 17. Jahrhundert einen großen Aufschwung nahm. Cäcilienfeste wurden gefeiert, Musikwerke dazu komponiert. Besonders in England wurde ihr Festtag begangen.

Eines der frühesten Gemälde, auf dem Cäcilia an der Orgel sitzt, stammt von dem Florentiner Maler Carlo Dolci (1616 – 1686), der es um 1670/72 für Cosimo de‘ Medici (Großherzog der Toscana 1670 – 1723) gemalt hatte. Die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden erwarb das Bild 1742 aus dem Nachlass des Amadée de Savoie, Fürst von Carignan, in Paris. Das Gemälde wurde u. a. von Johann Joachim Winckelmann in Dresden bewundert, Zelter erwähnte es in einem Brief an Goethe und Goethe selbst war von einer von Louise Seidel (die später sein Porträt anfertigte) 1810 gemalten Kopie ganz begeistert. Er hatte am 22. November 1786 in Sta Cecilia in Rom die Feier des Cäcilienfestes miterlebt, wie er in seiner Italienischen Reise berichtete:

„Viele Worte würde ich brauchen, um die Auszierung der ganz mit Menschen angefüllten Kirche zu beschreiben. Man sah eben keinen Stein der Architektur mehr. Die Säulen waren mit rotem Samt überzogen und mit goldenen Tressen umwunden, die Kapitäle mit gesticktem Samt in ungefährer Kapitälform, so alle Gesimse und Pfeiler behangen und bedeckt.“

Cäcilia war als Musikpatronin interkonfessionell geworden: Wackenroder, Tieck, Winckelmann oder Goethe waren evangelische Christen. Die Komponisten, denen wir bekannte Werke zu Ehren der Heiligen Cäcilia verdanken, etwa Henry Purcell oder Benjamin Britten, waren Anglikaner, Georg Friedrich Händel evangelisch getauft.  

Und was hat das alles mit unserer Salvator-Kirche zu tun?

Früher wurde viele Jahre hindurch in Lichtenrade um den Cäcilientag herum ein Konzert gegeben, wenn auch nicht ausdrücklich ein Cäcilienfest gefeiert, liegen doch auch das Christkönigsfest (unser Patronatsfest) und das Fest der Heiligen Elisabeth (Namenspatronin der Stiftung St. Elisabeth-Haus) in zeitlicher Nähe. Am gerade vergangenen Sonntag, dem Christkönigsfest, haben wir diese Tradition mit dem ersten Pfarrei-Chor-Konzert unserer neuen Pfarrei Heiliger Johannes XXIII. ein wenig wieder aufleben lassen. Und in einem der vorgetragenen Stücke von John Rutter hieß es, ganz wie bei Cäcilia: „…the music‘s always there in your heart!“

Aber davon abgesehen: Vielleicht haben Sie es ja bemerkt, dass unsere Kopie des Dolci-Gemäldes seit einiger Zeit auf der Orgelempore fehlte. Seit gestern hängt sie wieder an ihrem Platz! Der Rahmen des Bildes musste restauriert, das Bild gesäubert werden. In diesem Zusammenhang bin ich der Entstehung der Kopie nachgegangen. Sie stammt, wissen wir jetzt mit Sicherheit, von Adele Haase (1869 – 1944) aus Zittau und wurde wahrscheinlich 1914 gemalt. Da die Zusammenhänge mehr Platz benötigen, als ein Hineingeschaut bietet, finden Sie mehr über die Kopistin und die Restaurierung hier oder in unserer Kirchenführung.

Bis zum nächsten Hineingeschaut im Januar 2023.

Ich wünsche Ihnen und Euch eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit!

Ihre /Eure Regina Mahlke, Chronistin