Impuls

Wort zum Freitag 28.08.2020

Anfang

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. So hat es der Dichter Hermann Hesse einmal ausgedrückt. Anfang – anfangen. Wir sind in der Mitte des Jahres 2020, wir haben schon so viel erlebt und doch fangen wir in der Mitte des Jahres neu an. Ich habe mir einen neuen Kalender gekauft, weil ich keine Lust mehr hatte, ständig Termine zu streichen und neue drüber zu schreiben. Ich habe einen Kalender neu angefangen. Vor zwei Wochen bin ich so wie viele Schüler ins neue Schuljahr gestartet. Wir haben neu angefangen. Am Dienstag hat auch unser Pfarrgemeinderat wieder neu angefangen. Überall ist Aufbruchsstimmung. Ich mag das Gefühl, dass sich etwas bewegt, dass etwas losgeht. Ich möchte aufmerksam sein auf das, was neu erblüht. Doch merke ich schnell, dass ich nur eine von vielen bin und die Menschen meine Aufmerksamkeit für das Neue mit Hektik überrennen und der Zauber des Anfangs nur kurz währt oder gänzlich zertreten wird.

Da fällt mir das Evangelium der zehn Aussätzigen ein. Im Lukasevangelium heißt es, dass Jesus auf dem Weg durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa zehn Aussätzige entgegenkamen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein. Nur einer von ihnen kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samariter. Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet. (nach Lukas 17,11-19)

Undank ist der Welten Lohn. Zehn Menschen widerfährt so etwas Wunderbares und nur einer kehrt um, nur einer?! Ist es nicht richtig zu danken? Ist es nicht wichtig zu danken? Gut, einer denkt so wie ich und gerade er gehört nicht einmal zu den Menschen, denen Jesus die Botschaft verkündete. Ich frage mich, was machen die anderen. Wie zeigen sie ihre Dankbarkeit? Sind sie überhaupt dankbar? Hat sie der Alltag zurück, an dem sie nun wieder teilnehmen können? Haben sie das eigentliche göttliche Wunder übersehen und gar nicht wahrgenommen? Das ist die Frage, die mich dieser Tage beschäftigt. Das göttliche Wunder, dass niemand, den ich kenne, erkrankt ist. Das wir alle unseren Alltag lediglich mit minimalen Einschränkungen leben können. Schaue ich in andere Länder, leben die Menschen unter härteren Auflagen um Schlimmeres zu verhindern. Ich bin dankbar. Bin ich es wirklich? Oder lasse ich mich mitziehen von der allgemeinen positiven Aufbruchsstimmung? Wenn ich auf die anderen schaue, muss ich auch auf mich schauen. Bin ich nicht eigentlich auch betriebsblind geworden für Gottes kleine Wunder? Sehe ich das Gute, was mir widerfahren ist und danke ich dafür? Kehre ich um und biete Gott den Platz in meinem Leben, der ihm zusteht? Ich erwische mich dabei, wie so viele andere Dinge in meinem Leben sich ihren Platz erkämpft haben und Gott versuchen von seinem Platz zu verdrängen. Das ist das, was mir das Evangelium sagen will, es geht nicht um Dank oder Undank. Das Gefühl des Dankes kann nur entstehen, wenn ich überhaupt sehe, was mir Gutes widerfahren ist. Wenn ich sehen kann, wie Gott in meinem Leben wirkt. Wenn ich ihn nicht bemerke, erkenne ich auch nicht den Dank, den ich ihm schuldig bin. Dann biete ich auch keinen Platz für Undank.

Die Chance des Neuen, die wir erhalten haben, müssen wir als Erstes wahrnehmen. Den Zauber des Anfangs sehen und in ihm erkennen, dass wir ihn nicht selber hergestellt haben, sondern dass er uns geschenkt wurde und wir in der Verantwortung sind ihn gut zu gestalten. Danken, in dem wir das geschenkte Vertrauen Gottes nicht missbrauchen, sondern nutzen, um den Zauber in den Anfang zu setzen. Dann bemerke ich, dass Gott an mir und für mich gehandelt hat. Dann kann ich sagen: Danke Gott!

So danke ich ihm, dass er auch Sie jeden Tag aufs Neue behütet.

Ihre Anja Schmidt,

Gemeindeassistentin.