Impuls

Wort zum Freitag 04.09.2020

Hört doch mal rein

Noch einmal führt mich die Fährte der Tageslesungen zu einem meiner Lieblingskomponisten, zu Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847). Mit drei Schlaganfällen hat er sein 39. Lebensjahr nicht vollendet. Was hat er uns aber in der kurzen Zeit nicht alles für musikalische Schätze geschenkt. Mendelssohn wünschte sich für seine Zeit einen Propheten. Er sollte „stark, eifrig, auch wohl böse und zornig und finster“ sein, wie man seinem Briefwechsel entnommen hat, in dem er über sein neuestes Werk, das Oratorium „Elias“ schreibt, das anlässlich eines Festivals der Musik in Birmingham uraufgeführt wird und zu dem damals, am 26.08.1846, extra an die 300 Sänger*innen von London nach Birmingham gereist sind. Was wird die Musik kraftvoll gewesen sein?! Sie wird ein großer Erfolg!!!

Elias, der Prophet… Wünschen wir uns nicht alle einen Propheten? Einen , der uns Gutes verheißt? Einen, der uns sagt, wann Corona mit seinen vielen Erkrankten, aber auch mit seinen Einschnitten in unser kulturelles Leben und mit seinen Fiaskos für viele Wirtschaftszweige vorbei ist? Einen, der uns aufrüttelt und im Glauben neu zusammenbringt? Die Arbeitsgruppe Zukunft im pastoralen Raum hat Visionen entwickelt… es passt also auch in diese unsere Zeit.

Ich selbst habe in meinem Leben schon einige Propheten erleben dürfen. Menschen, von denen ich sagen würde, dass sie ein ganz besonderes Charisma gehabt hätten, so dass sie mich berührt und in besonderer Weise angesprochen, vielleicht sogar geprägt haben. Wenn ich die Charaktereigenschaften oben noch einmal lese: „stark, eifrig, böse, zornig, finster…“, dann muss das ein leidenschaftlicher Mensch gewesen sein, den Mendelssohn sich da vorstellte, der in seiner Leidenschaft für eine gute Sache wohl auch mal die Grenzen des Guten überschreitet. Die Zeit des „Sturm und Drang“ im Zeitalter der Aufklärung ist gerade vorbei, eine Zeit, in der die menschliche Natur und eine intensive eigene Gefühlswelt die Schriftsteller beschäftigten. So erklären sich die Adjektive dann doch ganz von selbst. Ich würde sie mit „lebendig, authentisch“ und „nicht langweilig“ überschreiben, wobei ich zugebe, dass „zornig“ und noch mehr „böse“ sicher nicht in unser Bild eines guten gottgefälligen Menschen passt. Oft ist der Zorn ungerecht, selbstgefällig, projektiv…

Wie komme ich nun von den heutigen Tageslesungen zu Mendelssohn und „Elias“? Im Brief an die Korinther lesen wir: „Der Herr wird die Absichten der Herzen aufdecken, …richtet nicht, wartet, bis der Herr kommt…“ und im Psalm 37: „Bleib wohnen im Land, bewahre Treue… Freu dich innig am Herrn, dann gibt er dir, was dein Herz begehrt.“ Und an dieser Stelle klingt schon die Melodie mit, die Mendelssohn dem Engel in den Mund legt, der Elias trösten soll…: „Sei stille dem Herrn, und warte auf ihn. Der wird dir geben, was dein Herz wünscht. Befiehl ihm deine Wege und hoffe auf ihn, steh ab vom Zorn und lass den Grimm. Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. …“ Eine wunderbar trostreiche Melodie und ein sehnsuchtsvolles „warte auf ihn“, bevor der Anfang wiederholt wird… eine wunderschöne Alt-Arie, die ich immer wieder gerne höre und auch sehr gerne singe. Sie macht mich ruhig, wenn ich enttäuscht oder traurig bin, sie bringt mich „nach Hause“, wenn alles zuviel ist, oder nichts läuft, wie es soll. Mendelssohns Musik ist eine Umarmung für die Seele, die hadert. Vielleicht holt sie auch den einen oder anderen von Euch ab… Hört doch mal rein…

https://www.youtube.com/watch?v=6b56vvoN970

Passt gut auf Euch auf, seid aufmerksam und auf Wiederlesen hier in vier Wochen

Eure Sonja Schek, Kirchenmusikerin