Impuls

Wort zum Freitag 30.04.2021

So, nun ist es passiert – ich schaue heute auf unsere Internetseite, möchte das Wort zum Freitag lesen und da ist gähnende Leere. Sofort stellt sich ein mulmiges Gefühl ein. Warum ist da nichts? Oh – nein!!! Es war mein Impuls! ICH habe ihn vergessen. Na prima, Anja. Vergessen. Ich…

Sich aneinander zu erinnern gehört zu dem Wichtigsten, was wir erfahren können. Vergessen werden schmerzt. Ich stelle mir vor selbst vergessen zu werden. Es ist mir die Woche tatsächlich passiert. Ich habe meinen Namen auf einer Liste nicht gefunden. War schon blöd. Es war ein Missverständnis, aber im ersten Moment war ich verunsichert. Mein Patenkind hat mich die Woche auch gebeten, sie nicht zu vergessen, wenn sie ihre Abiturprüfung schreibt. Ich habe es mir aufgeschrieben und sie nicht vergessen. Aber ich habe Sie vergessen, nicht absichtlich, aber doch vergessen. Dabei wollen wir nicht vergessen sein und es gehört zu den wichtigsten Bitten, die wir Menschen an andere haben: Denk an mich, vergiss mich nicht.

Doch wir Menschen sind vergesslich und wir sind sterblich. Somit ist unser Andenken zerbrechlich und vergänglich. Wenn jemand stirbt, kann man oft in Totenanzeigen und Grabsteinen das Versprechen der Angehörigen lesen, die Verstorbenen nicht zu vergessen: „Du lebst weiter in unserer Erinnerung!“ Doch was passiert, wenn der letzte, der sich meiner noch erinnert hat, auch verstorben ist? Bin ich dann auch völlig vergessen?

Eine Hoffnung bleibt aber auf alle Fälle: Gott hat sehr wohl ein gutes Gedächtnis! Und ich glaube auch nicht, dass er vergesslich ist. Natürlich gibt es Zweifel. Beim Propheten Jesaja heißt es: „Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen. Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde, ich vergesse dich nicht“ (Jesaja 49, 14f). Gott vergisst sein Volk nicht, weil ihm seine erste Liebe gehört: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb“ (Hosea 11, 1). Und seine erste Liebe nicht zu vergessen, gehört zu den eindringlichsten Mahnungen der Bibel an den Menschen: „Ich werfe dir aber vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (Offenbarung 2, 4).

Nein, Gott vergisst uns nicht, er denkt an uns. Es gibt dieses Welt und jeden einzelnen von uns, weil Gott an uns denkt und wir in seinen Gedanken sind. Wenn das nicht so wäre, würde die Welt so nicht sein, auch wenn wir manchmal glauben, dass er uns vergessen hat. Zum ‚Nicht-Vergessen‘ gehört für mich auch das Wort Treue. An jemanden denken heißt: ihm treu sein. Gott denkt an seinen Bund, den er schon mit unseren ältesten Vorfahren geschlossen hat. Und solange Gott uns die Treue hält und uns nicht vergisst, solange wird diese Welt bestehen. Und dass Gott auch dann noch an uns denkt, wenn wir dem Gedächtnis dieser Welt entfallen sind. Dass er sich sogar an unsere Erinnerungen erinnert und ihnen daher eine bleibende Gültigkeit, einen unvergänglichen Bestand verleiht. Weil Gott unvergesslich an uns denkt, brauchen wir uns keinen Namen zu machen. Denn unsere Namen sind in seine Hand eingeschrieben und bleiben dort wie ein Tattoo in bunter Tinte auf der Haut. In Gottes Gedächtnis, das zugleich sein Herz ist, bleiben wir für immer lebendig.

So kann ich mich nur für meine sterbliche Vergesslichkeit entschuldigen. Ich wünsche Ihnen allen von Herzen einen unvergesslichen Start in den Frühling:

 

Ihre Anja Schmidt, Gemeindeassistentin