Impuls

Wort zum Freitag, 28.10.2022 Ihr aber, Für wen haltet ihr mich?

Ihr aber, Für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15)

Diese Frage kam mir neulich in den Sinn, als ich in der Kirche bei der Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten in einem Moment der Stille das Sakrament betrachtete.

„Wer bin ich für dich?“ – schien die Hostie mich zu fragen. Und ich fing an, mich selbst zu prüfen und mich ernsthaft zu fragen: Wer ist heute Jesus für mich? Wer ist Jesus in unseren Gemeinden? Ein Ideal? Eine Gestalt vergleichbar mit einem der Gründer der Weltreligionen, wie etwa Siddhartha, auch als Buddah Shakyamuni bekannt, oder etwa wie Zarathustra? Oder gehört er eher zu den Aufgeklärten und Weisen der Philosophie, wie Plato oder Socrates, dessen geschichtlichen Existenz ja auch in Frage gestellt wird? Ist Jesus vielleicht nur eine Idee, eine Vorstellung, ein Produkt der Phantasie irgendwelcher enttäuschten Menschen, leichtgläubiger Luser?

Als Jesus von Nazareth diese Frage seinen Jüngern stellte, bei Cäsarea Philippi, vermutlich dem heutigen Banyas, an den Jordanquellen, antwortete Simon, der Sohn des Johannes: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16). Vielleicht rutschen diese Worte, wenn wir sie lesen oder im Gottesdienst hören, fast bedeutungs- und wirkungslos weg. Wenn aber ein Jude der damaligen Zeit auf Hebräisch „Messias“ aussprach – was das Ursprungswort der griechischen Übersetzung „Christus“ ist – , dann waren existentielle Emotionen, große Erwartungen, brennende Hoffnung damit verbunden. Als würde man uns heute sagen: Corona ist verschwunden! Der Krieg ist beendet! Unsere Existenz ist nicht bedroht!

Simon, dem Jesus dann den Beinamen „Kefas“ – auf Griechisch „Petrus“ – gibt, fügt noch gleich hinzu: „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes!“ Dieser Messias steht also in einer direkten und wesentlichen Beziehung zu dem „lebendigen“ Gott. Das will soviel bedeuten wie: Zu dem Gott, der da ist, in der Geschichte wirkt und sich in seinem Sohn jetzt den Jüngern zeigt, sich ihnen zu erkennen gibt.

In der Betrachtung der Eucharistie wurde mir bewusst: Ich knie jetzt vor eben diesem Sohn des lebendigen Gottes. Ich befinde mich vor dieser Person, die es vermag, über Zeit und Raum den lebendigen Gott gegenwärtig zu machen. Es ist genau der selbe Messias, der mich von meinen Ängsten erlöst, von meinem Egoismus befreit, meine Wunden heilt und mir Trost und Kraft spendet. Es ist der selbe Sohn des lebendigen Gottes, der in seinem Sieg über den physischen Tod mir den Horizont auf eine andere (vielleicht die eigentliche) Dimension des Lebens eröffnet und deshalb Hoffnung und Halt schenkt. Er ist Quelle und Ziel zugleich.

Da stockt mir der Atem, die Gedanken schwinden und ich kann nur mit Klaus von Flüe sagen:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und Mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und Mein Gott, nimm mich mir und mach mich ganz zu eigen dir.

 

Ihr

Pfr. Arduino Marra