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Wort zum Freitag, 17.12.2021 Aufwachen …

Aufwachen …   

Liebe Schwestern und liebe Brüder,

in England lebte vor langer Zeit ein Versicherungsvertreter. Er musste jeden früh mit dem Zug von London nach Canterbury fahren, um dort seine Kunden aufzusuchen. Er hatte eine rätselhafte Krankheit, gegen die die Ärzte machtlos waren: so eine Art Schlafkrankheit. Sobald er im Zug saß schlief er ein, so dass er regelmäßig die Station verpasste, an der er aussteigen musste.

Nur einmal verschlafen wäre kein Problem gewesen, aber es passierte regelmäßig. Das gab Ärger mit seinen Kunden, die auf ihn warteten, und auch bei seinem Vorgesetzten war sein Verhalten aufgefallen. Er musste eine Lösung finden, so konnte es nicht weitergehen. Da dachte er sich: Du hängst dir einfach ein Schild um und schreibst drauf: Bitte in Canterbury wecken!

Und so kam es, dass immer jemand da war, der ihn aufweckte. Von nun an war er zur rechten Zeit wach.*

 

Liebe Schwestern und liebe Brüder, in den Gottesdiensten im Advent wird in den Texten aus der Heiligen Schrift häufig über Johannes den Täufer berichtet. In der Wüste erging das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias, so lesen wir im Lukasevangelium. Rund 700 Jahre früher hatte der Prophet Jesaja Johannes als den Rufer in der Wüste angekündigt. Johannes zog in die Gegend am Jordan und verkündete dort Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.

Wenn Johannes gepredigt hat, ist garantiert niemand eingeschlafen. Seine Worte, die uns die Heilige Schrift überliefert hat, sind alles andere als ermüdend:

Wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entkommen könnt? Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. (Lk 3, 7-10)

Das sind eingehende Worte eines Propheten, aber Propheten dürfen das und sollen wachrütteln, damit niemand die Ankunft des Herrn verschläft. Johannes hat auf den, der nach ihm kommen wird, unseren Herrn Jesus Christus, hingewiesen: Bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Straßen! Johannes hat nicht sich selbst verkündigt, sondern er hat von dem gesprochen, der größer ist als er, und dass er nicht wert ist, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.

Es ist gut, wenn wir die Stimme des Rufers in der Wüste nicht nur als Ereignis damals, vor ungefähr 2000 Jahren sehen, sondern seine Stimme auch heute hören, wenn wir ähnlich wie der Versicherungsvertreter tagein, tagaus auf eingefahrenen Gleisen unterwegs sind und uns der Blick auf das Wesentliche im Leben fehlt, wenn zu viel glitzerndes Festtagslametta uns blendet und uns vom Leuchten des Sterns von Betlehem ablenkt, der uns zur Krippe führen will. Es ist gut, die Stimme des Johannes zu hören, wenn Angst und Sorgen zu schwerer Last werden. Denn Johannes sagt uns, dass der, der größer ist als er, in diese Welt gekommen ist, um den Menschen nahe zu sein. Damit sind wir nicht der Sorgen entsorgt, aber jeder Mensch hat die Zusage des Herrn: Ich bin bei Euch bis zum Ende der Welt, ganz Gott und ganz Mensch geworden. Das feiern wir an Weihnachten.     

   

In Vorfreude, die ich Ihnen und Euch auch wünsche -

Ihr und Euer Diakon
Benno Bolze

 

* aus: Wolfgang Raible, Predigten für die Sonn- und Feiertage im Lesejahr C, Herder, 2012