Impuls

Wort zum Freitag 17.09.2021 Hört doch mal rein

Bild: Sonja Schek, Ausschnitt des Orgelspieltischs der Seifert Orgel in Salvator-Lichtenrade

Hört doch mal rein!

Heute begeht die katholische Kirche unter anderen den Gedenktag der Heiligen und Kirchenlehrerin (seit 2012 durch Papst Benedikt XVI.), Hildegard von Bingen. Hildegard von Bingen lebte 1098-1179 und war Nonne, Seherin, Prophetin, Mystikerin, Naturforscherin und Universalgelehrte, Ärztin, Philosophin, Dichterin und nicht zuletzt Musikerin. Als zehntes Kind einer Adelsfamilie wurde sie wie damals üblich mit 8 Jahren in einem Kloster untergebracht. Mit 15 Jahren trat sie in das neu gegründete Benedikterinnenkloster ein und wurde dort 1136 selbst zur Äbtissin. Sie wurde zu einer sehr bedeutenden Frau in der Geschichte und hätte einen eigenen Gedenktag verdient. Sie hatte regen Briefkontakt mit Königen und Päpsten und übte so erheblichen Einfluss auf ihre Zeit aus. Auch in der evangelischen und anglikanischen Kirche wird mit Gedenktagen an sie erinnert.

Hildegard von Bingen schrieb ihre Musik in der Zeit der gregorianischen Gesänge und die Instrumente ihrer Zeit waren Drehleiern, die zwei Töne in Quinten spielten, und zur Begleitung von Gesang dienten. Terzen galten als Missklänge. Zum großen Glück sind ihre Melodien schriftlich überliefert. Aber wie so oft wird diese Musik missverstanden als eintönige Aneinanderreihung (häufig )nicht verstandener lateinischer Worte, deren Sinn doch beim Singen so viel bedeutete, und die natürlich die Art und Weise von Geschwindigkeit, Lautstärke und Ausdruck der Musik beeinflussten. Die meisten Wissenschaftler, die sich in den letzten zwei  Jahrhunderten mit der Gregorianik befassten, waren keine Sänger und so verwundert es nicht, dass die meisten Aufführungen heute oft steril und am Wort vorbei vorgetragen sind. Man hört keinen Unterschied, ob das Lied ein Adventslied oder ein Osterchoral ist. Wie kann das sein???? Darüber bin ich sehr traurig. Viele Menschen sind so froh darüber, dass sie die Töne entziffern können, dass sie beim Buchstabieren stehenbleiben. Aber welches Gedicht lebte, das nur buchstabiert würde? Den Mut, das Wissen um den Anlass und den Inhalt des Stückes im Ausdruck zu Musik werden zu lassen, die nicht in den Noten steht, im Respekt der damaligen Zeit, bringen die wenigsten Interpreten auf. Aus meiner Sicht, kämen wir den Gesängen von damals dadurch sehr viel näher.

Richard Souther, amerikanischer Komponist und Arrangeur, hat versucht, die mittelalterlichen Gesänge in einem neuen Arrangement und im Verständnis der mittelalterlichen Musik einem größeren Publikum nahezubringen. Er landete mit den Bearbeitungen der Gesänge von Hildegard von Bingen in den 90er Jahren an der Spitze der „classical Charts“.

Ich habe Euch einen Gesang herausgesucht mit dem Titel „O viridissima Virga“, mit dem Hildegard von Bingen Maria besingt, und ihre Nähe zur Natur so überdeutlich wird. In der Übersetzung von Dr. Bruno Kern lautet er:

„Du Reis von sattestem Grün“

Du Reis von sattestem Grün, Ave! Du hast Dich gezeigt im Geisteswehen und Forschen von Heiligen. Es kam die Zeit, da du in den Zweigen erblühtest. Ave, sei gegrüßt! Denn die Wärme der Sonne in dir strömte aus wie duftender Balsam. Denn in dir blühte auf die schöne Blume, die ihren Duft gab allen Gewürzen, die ausgetrocknet waren. Und sie prangten nun in voller grüner Pracht. Die Himmel ergossen den Tau über das Gras, und die ganze Erde wurde mit Freude erfüllt, weil ihr Schoß nun das Korn hervorbrachte und weil die Vögel des Himmels ihre Nester auf ihr bauten. So erhielten die Menschen ihre Speise, und große Freude herrschte bei den Tischgenossen. Und darum, du milde Jungfrau, fehlt es in dir an keiner Freude. Dies alles hat Eva für gering geachtet. Nun aber sei Lob dem Allerhöchsten.

Denkt Euch vielleicht in einen schönen romanischen Kreuzgang hinein, stellt Euch den Duft der umgebenden  Felder und Kräutergärten dort herum vor und zündet vielleicht eine Kerze an. Viel Freude an Hildegard von Bingen - interpretiert von Richard Souther, gesungen von Emily Van Evera und Sister Germaine Fritz.

https://www.youtube.com/watch?v=8kf6myNBGyo

Achtet auf Euch und alle, die Euch am Herzen liegen, und bleibt gesund  - und: hört doch mal rein!

Eure Sonja Schek, Kirchenmusikerin