Impuls

Wort zum Freitag, 16.09.2022 Barmherziger Vater

Bild: Georg Schuchardt In: Pfarrbriefservice.de

Am vergangenen Sonntag haben wir ein sehr langes Evangelium gehört, das mit folgenden Worten anfing:

 

"Alle Zöllner und Sünder kamen zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich" (Lk 15, 1-2)

 

„Zurecht!“ würde man am liebsten sagen. Wie kann sich einer, der sich für einen Gottesmann ausgibt, mit Verrätern, Infamen und Schmarotzern verkehren? (Denn genau das waren Zöllner und notorische Sünder, die Jesu Worte hörten.) Wer den Umgang mit solchen Leuten pflegt, muss wohl zur selben Kategorie von Menschen gehören. „Schlechte Beispiele verderben gute Sitten!“

Wer sich bemüht, ein anständiges, rechtschaffenes Leben zu führen, kann an Menschen, die anderen schaden, die ihre Exzesse ohne Rücksicht auf ihre Umgebung ausleben, die ganz offenkundig nur ihr eigenes Ego zu nähren pflegen, nur Anstoß nehmen. Handelt jemand schlecht, hält er sich nicht an die Regeln, verletzt er die Grundwerte der Menschlichkeit, so kann er nichts anderes als Verachtung ernten. Zudem muss er für seine Delikte bestraft werden und für den verursachten Schaden Wiedergutmachung leisten. Das entspricht zutiefst dem Gerechtigkeitssinn des Menschen. Auch in der Bibel heißt es, dass Gott „den Sünder nicht ungestraft“ lässt; „er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.“

 

Durch die Gleichnisse des wiedergefundenen Schafes, der wiedergefundenen Münze und des wiedergefundenen Sohnes, die verloren gegangen waren, offenbart uns Jesus einen ganz anderen Wesenszug Gottes. Er ist ein geduldiger und barmherziger Vater, der es annimmt, vom jüngeren Sohn als tot erklärt zu werden, der bereit ist, diesem sein Erbe auszuzahlen und der es zulässt, dass er seine Irrwege geht. Er gibt ihn aber nicht auf: er hält Ausschau nach ihm. Er hofft, dass sein Sohn in sich geht und zum Vaterhaus zurückkehrt.

 

Zöllner und Sünder kommen zu Jesus, um ihn zu hören, weil seine Worte die Sorge und die Zuneigung des Vaters für die Verlorenen zum Ausdruck bringen. Er ist der vom Vater gesandte, der sich auf die Suche des verlorenen Schafes bzw. der verlorenen Drachme begibt. Und werden sie von ihm gefunden, führt er sie ins Haus zurück, wo ein großes Fest der Freude stattfindet.

 

Die Pharisäer und Schriftgelehrten repräsentieren jene Kategorie von Menschen, die aufgrund ihrer Frömmigkeit und Anständigkeit sich für etwas Besseres halten und „Zöllner und Sünder“ verachten, ihnen gegenüber Härte und Unverständnis zeigen. Daher ärgern sie sich und können sich gar nicht freuen. Vielmehr nehmen sie an der Langmut und Güte des Vaters Anstoß.

Für diese Kategorie steht der ältere Sohn im Gleichnis, der sich sein ganzes Leben lang abgemüht hat, sich penibel an die Vorschriften und an die Anordnungen des Vaters zu halten, und der sich niemals eine Freude gegönnt hat. Er ist empört und murrt! Er erkennt so nicht, dass er sich mit seiner Einstellung auch auf einem Irrweg befindet, dass er in gewisser Weise auch „verloren“ ist.

Die gute Nachricht gilt auch ihm, denn der Vater gibt ihn nicht auf: er geht auf ihn zu mit derselben Geduld und Liebe, die er dem jüngeren Sohn erweist. Gott lädt eben alle Menschen an seinem Fest ein, denn er erweist allen seine Huld.

 

Ihr

Pfr. Arduino Marra