Impuls

Wort zum Freitag, 13.01.2023 Durchbruch …

Bild: Benno Bolze / Grundmauern eines Hauses aus der Zeit Jesu in Kafárnaum

Liebe Schwestern und liebe Brüder,

stellen Sie sich bitte einmal Folgendes vor: Wir sind sonntags um 11.00 Uhr in der Salvatorkirche und feiern Eucharistie. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist eine festlich-feierliche Stimmung. Das Evangelium wird gerade verkündet. In diesem Moment fallen von der Decke im Altarraum zuerst kleinere Steine, dann auch größere und einige Dachziegel fallen vor den Altar. Durch die Öffnung im Dach sind einige Männer zu sehen. In der Kirche wird es unruhig. Die Mitglieder des Kirchenvorstands und des Baufördervereins sind entsetzt, denn das Dach wurde gerade erst neu gedeckt und der Innenraum der Kirche wurde renoviert. Der Gesang verstummt, Orgelmusik ist nicht mehr zu hören. Priester und Diakon schauen verwundert nach oben. Er herrschen Unsicherheit und Aufregung. Was soll das? Was ist hier los?

Sie werden schon nach wenigen Sätzen gemerkt haben, dass ich Sie mit dieser Geschichte zum Evangelium des heutigen Tages hinführen möchte:

Als Jesus wieder nach Kafárnaum kam, versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war. Da brachte man einen Gelähmten zu ihm, der von vier Männern getragen wurde. Weil sie ihn wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause! Da stand er auf, nahm seine Liege und ging weg. (Mk 2, 1-12)

Vor wenigen Tagen habe ich eine Mail von einer Kollegin erhalten mit guten Wünschen für das Jahr 2023. Neben den Wünschen hat sie auch den Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Folgen für Millionen von Menschen angesprochen. Das ist bedrückend, das überrollt einen, so schrieb sie, man ist hilflos. Ähnliche Gedanken werden viele von uns haben. Aber es gibt auch Möglichkeiten, die Hilflosigkeit zu überwinden. In unserer Gemeinde und Pfarrei haben Gemeindemitglieder gleich nach Beginn des Krieges geholfen und haben Menschen aus der Ukraine bei sich aufgenommen, haben Sprachkurse und ein Begegnungskaffe angeboten, haben um Frieden gebetet und tun es weiter oder haben auf ganz vielfältige Weise geholfen und haben damit Solidarität und Mitmenschlichkeit zum Durchbruch verholfen, auch wenn der Krieg dadurch nicht beendet werden kann. Im Evangelium waren es vier Männer, die geholfen haben. In unserer Pfarrei waren und sind es viel mehr Frauen und Männer, die neue, andere Wege gegangen sind und helfen.

Situationen, in denen es nicht mehr weitergeht, haben wir alle schon erlebt oder sind Menschen begegnet, die wie gelähmt waren. In der Zeit, als ich im Ricam Hospiz als Sozialarbeiter tätig war, gehörte zu meinem Aufgabenbereich auch die Vorbereitung der Aufnahme der Patientinnen und Patienten. Häufig ist es eine Angehörige oder ein Angehöriger, die bzw. der vor der Aufnahme das Hospiz besucht, um die Einrichtung und die Mitarbeitenden kennen zu lernen und um Fragen zu besprechen. Mit der Tochter einer Patientin, die im Hospiz aufgenommen werden wollte, war ein Gesprächstermin vereinbart. Als die Tochter dann den Eingangsbereich des Hospizes betreten hatte, konnte sie keinen Schritt mehr gehen. Sie war wie gelähmt, wie eingefroren. Meine Kollegin und ich, wir haben sie freundlich begrüßt und haben ihr signalisiert, dass wir Zeit für sie haben, dass sie nicht allein ist und dass sie sich Zeit nehmen kann, um anzukommen. Nach einiger Zeit hat sie dann wieder Worte gefunden und ihre Lähmung wandelte sich wieder in Bewegung. Durch Dasein und Wahrnehmen, was für sie in diesem Moment wichtig ist, konnten wir behutsam den Weg ins Hospiz öffnen und schon wenige Tage nach dem Gespräch konnte die Mutter im Hospiz aufgenommen werden.

Liebe Schwestern und Brüder, es muss nicht immer der Durchbruch mit schwerem Werkzeug durch gemauerte Wände oder eine Decke sein, das Dach unserer Salvatorkirche ist ja auch heil geblieben. Oft sind es die kleinen Dinge, die Neues möglich machen. Dabei nicht müde werden, sondern dem Wunder, leise wie einem Vogel, die Hand hinhalten; so sagt es die Dichterin Hilde Domin.

Das Evangelium lädt mich, lädt uns alle ein, achtsam zu sein, zu schauen, wo können wir mit Gottes Hilfe anderen neue Wege öffnen, wo es eigentlich nicht mehr weiter zu gehen scheint.

 

Ihr und Euer Diakon
Benno Bolze