Impuls

Wort zum Freitag, 10.12.2021 Hört doch mal rein

Bild: Sonja Schek, Ausschnitt des Orgelspieltischs der Seifert Orgel in Salvator-Lichtenrade

Hört doch mal rein,

Am 2. Advent hatte ich am Vorabend Besuch auf der Orgelempore und ich wurde gefragt, ob ich den Hymnus „Veni, veni, Emmanuel“ kennen würde… gemeinsam summten wir eine Melodie… der deutsche Text fiel mir jedoch nicht gleich ein, denn mit „O komm…“ beginnt das Lied nicht. „Ja, und wir haben es in England gesungen…“ wurde mir noch mit begeisterten Augen erzählt. Dem Wunsch, es doch mal zu singen, wollte ich sehr gerne nachkommen. So ergab sich das Thema für den heutigen Impuls.

 „O komm, o komm, Emmanuel“ ist ein sehr alter Adventsgesang, dessen Text aus fünf der so- genannten sieben O-Antiphonen zusammengestellt ist (Text ca.12. Jahrhundert). Die letzten 7 Tage vor Weihnachten haben in der Kirche immer schon eine besondere Gestaltung gehabt: vom 17.12.-23.12. hat jede Vesper einen eigenen Kehrvers im Magnificat. Das ist ungewöhnlich, denn das Stundenbuch behält diesen Gesang sonst eine ganze Woche lang bei. Die sieben eigenen Kehrverse wurden „Antiphonae majores (dt. die größeren Kehrverse)“ genannt. Da Weihnachten nun unmittelbar bevorsteht, bekommt jeder Tag  ein eigenes Christusbild: O Sapientia (O Weisheit), O Adonai (O Herr), O radix Jesse (O Wurzel Jesse), O clavis David ( O Schlüssel Davids), O oriens (O Morgenstern), O rex gentium (O König aller Völker), O  Emmanuel (hebr. O „Gott ist mit uns“). Diese sieben Christusbilder symbolisieren die Vorfreude auf Weihnachten. Fünf davon wurden zu dem bekannten adventlichen Strophenlied zusammengefasst, das seit 1710 in Köln belegt ist, aber die Melodie stammt -  und hier bin ich sehr erstaunt  - aus einem französischen Franziskanerinnen-Orden und hier insbesondere aus einem Prozessionsgesangbuch als Gesang zum „Libera me“ des lateinischen Requiems. Mit diesem Gesang wurde ein verstorbener Mensch  verabschiedet, bevor er aus der Kirche getragen wurde. Jetzt frage ich mich: wie kann die Melodie eines Begräbnisgesanges auf ein Adventslied passen? Hier interessiert mich vor allem die Stelle: Gaudé – freu dich. Was für ein Text stand wohl direkt unter diesem Melodieabschnitt? Im 15. Jahrhundert war es durchaus üblich Texte hinzuzufügen vor allem in einer Zweistimmigkeit, wo einem Grundtext in langsamen Werten ein neuer Text in schnelleren Werten als Schmucklinie beigefügt wurde. Ich bin gespannt, ob ich dieses Rätsel lösen kann und einen Nachdruck dieses Manuskripts aus dem 15. Jahrhundert aus der französischen Nationalbibliothek in die Hände oder vor Augen bekomme, das die britische Hymnologin Mary Berry im Jahr  1966 dort entdeckte... Ich werde berichten… Dennoch passt die Melodie wunderbar in die adventliche Zeit!

Wir kennen diesen Adventshymnus im Gotteslob unter der Nummer 222: Herr, send herab uns deinen Sohn. Die O-Strophen folgen. Unter der Nummer 722 haben wir dann noch eine ganz andere Melodie aus Münster, die ich auch im Advent sehr gerne singe. So, wie sie im neuen Gesangbuch notiert ist, allerdings nicht, denn die rhythmische Fassung aus dem alten „Ehre sei Gott“ ist sehr viel sanglicher, da dort nicht halbe Noten das Tempo stark ausbremsen. Eine weitere Münsteraner Melodiefassung steht im heutigen Anhang unter 722 b, die ich nicht besonders interessant finde. Im „Ehre Sei Gott“ findet sich dagegen eine weitere sangliche Melodie zu diesem Lied von dem Priester und Kirchenlieddichter Verspoell, der 1829 ein Kirchengesangbuch herausgegeben hat. Sein Lied steht im Münsteraner Anhang. Leider hat es diese Fassung nicht mehr in die letzten beiden Ausgaben des „Gotteslob“ geschafft. Vielleicht hat der eine/die eine von Euch ja noch eine antike Ausgabe des „Ehre sei Gott“ im Bücherschrank (meine ist von 1968 mit Goldschnitt). Das Lied steht unter Nummer 11 auf Seite 499.

Meine Hörbeispiele beziehen sich nun auf die Gotteslobnummer 222, die von Marie gesummte Melodie des englischen Textes „O come, o come, Immanuel“. Vielleicht hört Ihr/hören Sie an jedem Tag vom 17.-23. genau ein Hörbeispiel in einem kleinen feierlichen Moment? Viele Menschen hat diese Melodie seit dem 15. Jahrhundert inspiriert und es finden sich unglaublich viele Interpretationen auf youtube. Einen bunten Querschnitt bilden diese 7: 1 Tommee Profitt, amerikan. Singersongwriter(*1984): https://www.youtube.com/watch?v=PQuq4umpb3Q. 2 Voces8 Foundation Choir in einem Arrangement von Taylor Scott Davis(*1980 Texas): https://www.youtube.com/watch?v=LDodhnk5lRg. 3 BYU Vocal Point ist eine A-capella-Gruppe(!) aus Utah (gegr. 1991) mit Bezug auf die dortige konfessionelle Universität: https://www.youtube.com/watch?v=AdR79P-2ewo. 4 In meiner Jugendzeit beliebt und bekannt war Enya (*1961) aus Irland: https://www.youtube.com/watch?v=01BcaggibDw. 5 Und mit Anna Hawkins (*1984) ein Beispiel aus Neuseeland in englischer und hebräischer Sprache: https://www.youtube.com/watch?v=MD-jBLZSZNU. 6 Eine Komposition von Zoltán Kodaly (1882-1967) aus Ungarn mit dem Brüsseler Chamber Choir: https://www.youtube.com/watch?v=gGhCcddI2iY. 7 Und ein letztes Beispiel  mit der berühmten Gruppe „Ten Tenors“ aus Australien (seit 1991), die „O come“  in engl., frz., hebr. und russ. Sprache singen: https://www.youtube.com/watch?v=0BXoDk5jpz0&t=104s.

Vielleicht gestalten wir die letzten sieben Tage vor Weihnachten ja einmal in einer feierlichen Erwartung? Warum feierlich? Der Psalmton, d.h. die passende Melodie zur O-Antiphon, ist der „tonus solemnis“, das bedeutet: die feierliche/festliche Tonart. Schaffen wir uns doch einen feierlichen Moment an den Tagen 17-23 des Dezembers…

Viel Freude an den sehr unterschiedlichen Versionen des Liedes und eine feierliche Zeit ab nächstem Freitag und bitte bleibt/ bleiben Sie gesund und aufmerksam

Eure/ Ihre Sonja Schek, Kirchenmusikerin