Impuls

Wort zum Freitag 10.09.2021 Wut tut gut

Bild: canva.com

Wut tut gut

Ein Gemeindemitglied schrieb mir eine dienstliche Mail. Ich beantwortete diese, sie beantwortete wiederum meine und so ging das den ganzen Vormittag hin und her. Wir witzelten, verteilten uns gegenseitig Aufgaben und ja, ich würde sagen, auf die eine oder andere Weise unterhielten wir uns auch. Wir wählten diese Form der Kommunikation und das sie zufälligerweise richtig gewählt war, stellte sich erst später heraus. Das Gemeindemitglied aus Salvator ist für mich mittlerweile nicht mehr nur ein Gemeindemitglied, ich glaube über die letzten 2 Jahre haben wir unsere eigene Art von Freundschaft entwickelt. Und so können wir auch sehr offen mit einander reden und eben auch Mails schreiben. Denn in unseren letzten Mails teilten wir Wut, Traurigkeit und auch Verständnis für die Sicht des Anderen. Thema waren u.a. diese Impulse, die Sie nun wieder lesen. Von heute auf morgen waren sie verschwunden und wir hatten nicht mal „Tschüß“ gesagt. Ich hatte allerdings auch nie gedacht, dass es doch so viele Menschen gibt, denen es wichtig ist, damit in das Wochenende zu starten. Plötzlich verstand ich die Wut der empfangenen Mails sehr gut und es tut mir von Herzen leid, dass es so weit kommen konnte.

Vor Jahren las ich mal in einem Buch: „Wut tut gut!“ Ja, das tut sie, denn sie zeigt, dass ich menschlich bin und dass ich bereit bin, mir die Vielfalt meiner Gefühle auch einzugestehen. Wut ist nicht negativ, sondern hilft mir, den Zorn in mir nachzuspüren und Aufgestautes nicht einfach auszublenden. Die Wut der anderen hilft mir mich konstruktiv mit meiner Arbeit und meinem Gegenüber auseinanderzusetzen. Wenn wir alle ehrlich sind, ist das der schwerste Part. Die Wut eines anderen als Chance zu sehen, auf sich zu schauen, sich nicht angegriffen zu fühlen und etwas Neues daraus entstehen zu lassen. Einfach ist das nicht und nur menschlich, dass Wut auch Gegenwut erzeugt.

Schon die Bibel lehrt uns, dass die ganze Vielfalt unserer Gefühle zum Leben gehört. In den Psalmen wird nicht nur gejubelt und fröhlich gesungen, gelobt und gedankt, auch gehadert und geweint, laut gerufen und wütend geklagt. Wenn ich in den Psalmen lese, tut das meiner Seele gut. Sie geben mir Antwort auf eine Vielzahl unverstandener Gefühle. Ich bete und kann Gott sagen, was mich aufwühlt, warum ich mich unverstanden fühle. Ich kann ihm anvertrauen, woran ich verzweifle und ihm sagen, was mich wütend macht. Er gibt mir den Mut, meine Wut zum Ausdruck zu bringen. Das kann heilsam für mich sein. So gehören nicht umsonst Trotz und Trost ganz eng zusammen.

Ich kann nicht sagen, ob es Gott war, der die „Wut-Mail“ inspiriert hat, aber ich bin mir zu 100% sicher, dass Gott das Gespräch zwischen uns begleitet hat und uns ermutigt hat, offen zu sprechen. Denn Wut tut gut. Sie darf raus und ist bei Gott gut aufgehoben. Denn er bestärkt mich in meinem Handeln. Egal, was ich fühle – ob Freude, Verzweiflung, Traurigkeit, Wut - Gott hält das aus und er hält uns!

So hoffe ich, dass Ihre Wut sich in Ärger und anschließend in Verständnis und vielleicht sogar Freude auf die nächsten Freitagsimpulse umwandelt.


Herzliche Grüße,
Ihre Anja Schmidt (Gemeindeassistentin)