Impuls

Wort zum Freitag 09.04.2021

Wo ist Emmaus?  

  

Liebe Schwestern und Brüder,

 

die Antwort auf diese Frage ist eigentlich ganz einfach: sechzig Stadien von Jerusalem entfernt. Am Ostermontag haben wir aus dem Lukasevangelium gehört, dass zwei der Jünger Jesu auf dem Weg dorthin waren. Im Evangelium wird nicht berichtet, in welche Richtung die Jünger von Jerusalem aus gegangen sind. Daher ist es naheliegend, dass gleich mehrere Orte in der Nähe von Jerusalem für sich in Anspruch nehmen, der in der Heiligen Schrift benannte Ort Emmaus zu sein.

Einer dieser Orte ist die antike Stadt Nikopolis, das heutige Amwas. Hinweise aus dem fünften Jahrhundert besagen, dass dort das zu einer Kirche umgebaute Wohnhaus des Kleopas war, der einer der beiden Jünger war, die im Evangelium genannt sind. Es ist aber unwahrscheinlich, dass dieser Ort das Dorf Emmaus ist, denn das Dorf liegt rund 30 km von Jerusalem entfernt. Das sind rund 160 Stadien und es ist unwahrscheinlich, dass die beiden Jünger damals 30 km dorthin und am gleichen Tag 30 km wieder zurückgelaufen sind. Dennoch wird der Ort gern von Pilgern besucht.

Neben diesem Emmaus wird auch eine ganze Reihe weiterer Orte im Zusammenhang mit dem biblischen Emmaus genannt. Zu diesen Orten zählen auch El Qubeibeh, wobei auch hier verlässliche Belege fehlen. Ein anderer Ort, Abu Gosh, ist tatsächlich genau 60 Stadien, also 11,5 km, von Jerusalem entfernt. Allerdings hieß der Ort zu neutestamentlicher Zeit nicht Emmaus. Dennoch hat der Ort eine lange Tradition, die bis in die Zeit der Kreuzzüge zurückgeht. Zu dieser Zeit wurde dort eine Kirche gebaut, die auf dem Bild zu sehen ist. Die Kirche gehört zu einem Kloster. Dort leben heute Benediktinerinnen und Benediktiner aus einem französischen Zweig des Ordens gemeinsam auf einem kleinen Grundstück. Die Kirche ist für mich eine der beeindruckendsten Kirchen im Heiligen Land. Es ist eine romanische Basilika. In früheren Jahrhunderten war sie innen sehr farbenprächtig gestaltet, aber in der heutigen Gestaltung ist sie sehr beeindruckend durch ihre Schlichtheit. Ohne Gold und ohne prunkvoll gestaltete Altäre wird der Blick auf das Wesentliche gelenkt, wie man es auf dem Bild sehr gut sehen kann: das Kreuz, der Altar, auf dem Brot und Wein gewandelt werden in Leib und Blut Christi, und auf einer Linie mit Kreuz und Altar steht das Ambo, von dem aus das Wort Gottes verkündet wird.

Auch wenn die Kirche beeindruckend ist, ist sie dennoch kein Beleg, dass es sich hier um den biblischen Ort Emmaus handelt.

Wir kommen der Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage, wo ist Emmaus, näher, wenn wir die Frage nicht auf eine genaue Ortsangabe beziehen, sondern auf ein Geschehen, auf ein Ereignis. Denn die eigentliche Aussage des Textes aus dem Lukasevangelium bezieht sich nicht auf eine Landkarte, sondern auf das Ereignis, auf die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn Jesus Christus.

 

Als die beiden Jünger am Ziel ihres Weges angekommen waren, baten sie ihren Begleiter bei ihnen zu bleiben, denn der Tag hatte sich schon geneigt. Als sie sich zum Essen niedergesetzt hatten, nahm ihr Begleiter das Brot, sprach den Segen, brach es und reichte es den Jüngern. Erst jetzt erkannten sie Jesus. Brannte uns nicht das Herz als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erklärte?

Der auferstandene Herr Jesus Christus begegnet den beiden Jüngern in den Worten, die er zu ihnen spricht und beim Brechen des Brotes. Auf diese Weise können auch wir heute in jeder Eucharistiefeier, in der wir das Wort Gottes hören und Brot und Wein gewandelt werden in Leib und Blut Christi, und beim Lesen der Heiligen Schrift dem auferstandenen Herrn begegnen.

 

Das ist sicher eine sehr wichtige Möglichkeit der Begegnung mit ihm, aber nicht die einzige, denn er hat gesagt: Was ihr dem Geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan. Deshalb können wir dem Herrn in jedem Menschen begegnen, der Hilfe braucht: dem kranken, dem sterbenden Menschen, den trauernden Angehörigen. Aber auch in jedem Menschen, dem das Nötigste zum Leben fehlt, der vielleicht nur das Brot für den heutigen Tag hat, kann ich Christus begegnen und auch in den Menschen, deren Leben durch Krieg und Gewalt bedroht ist, denen ein Leben in Freiheit nicht möglich ist.

 

So gesehen, kann die Emmauserfahrung an vielen Orten stattfinden und die in der Bibel genannte Entfernung von sechzig Stadien und die Ortsbezeichnung Emmaus sind daher nicht von entscheidender Bedeutung. Wichtiger ist, dass wir offen sind für die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn Jesus Christus hier und heute: im Gottesdienst aber auch in der Begegnung mit unseren Mitmenschen und dass wir auf das Wort Gottes hören und mit brennendem Herzen seine Frohe Botschaft verkünden.

Das wünsche ich uns allen

Ihr und Euer Diakon
Benno Bolze